„Wer resilient ist, stand schon mal mit dem Rücken zur Wand“

Jungautor Samer El Badawi über Leistungskultur und die fehlende
Widerstandskraft seiner Generation.


ALIAS: Herr El Badawi, Sie beschäftigen sich als Romanautor mit dem Thema Leistungskultur. Woher rührt dieses Interesse?

Samer El Badawi: Mein Steckenpferd ist ja momentan die Sci-Fi-Dystopie. Weil ich trotzdem realitätsnah schreiben möchte, beschäftige ich mich zum Beispiel gern mit China. Dort ist die Leistungskultur am höchsten angesiedelt – was sich auch in den Depressions- und Suizidraten zeigt. In einer Diskussion unter Freunden kam neulich die Frage auf, was das wirtschaftsstärkste Land ist. Eine Antwort darauf kann man zum Beispiel finden, wenn man schaut, bei welchem Land die Welt am meisten Schulden hat. Und das ist ganz klar China. Darauf habe ich mir die Frage gestellt: Wie kommt das zustande?

ALIAS: Und Sie halten die chinesische Leistungskultur für den Hauptgrund der wirtschaftlichen Stellung dieses Landes?

El Badawi: Ja, und ich denke auch, dass, wenn wir das Bruttoinlandsprodukt weiter steigern möchten, wir uns zwangsweise der Leistungskultur Chinas anpassen müssen. Ich glaube, dass die chinesische Kultur für ein disziplinierteres Verhältnis der Menschen zum Arbeiten und vor allem auch zum Lernen sorgt. In Europa geht es im Moment eher darum, die jüngere Generation vom psychischen Druck zu entlasten. Man kann etwa immer wieder lesen, dass es hier noch nie so viele Kinder und Jugendliche gab, die in Bezug auf ihre mentale Gesundheit herausgefordert sind. Was wir aber als Herausforderung betrachten, ist in China der Standard.

Was wir als Herausforderung betrachten, ist in China der Standard.

Samer El Badawi

ALIAS: Und was sorgt für diese mentalen Herausforderungen unter jüngeren Menschen? Als 24-jähriger haben Sie da sicher noch einen guten Einblick.

El Badawi: Es ist vor allem mangelnder Selbstwert. Die sozialen Medien haben dafür gesorgt, dass wir in einer toxischen Gesellschaft des ständigen Vergleichens leben. Für viele ist die Frage des Tages immer wieder aufs Neue: Wer kann in den nächsten 24 Stunden, die eine Instagram-Story online ist, mehr Erfolge nachweisen – ich oder die anderen? Viele Jugendliche lernen nicht mehr, für sich selbst einzustehen. Eine Antwort der Gesellschaft, auf dieses Problem zu reagieren, besteht darin, sich aus der Leistungskultur herauszuziehen, denn die sei eben ungesund. Was aber mit den wirtschaftlichen Notwendigkeiten in einer vernetzten Welt in Konflikt gerät.

ALIAS: Und warum sollte man sich nicht dennoch als junger Mensch entscheiden, ein mental gesünderes Leben zu führen? Anders gefragt: Was kümmert den Einzelnen die ökonomische Lage der Zukunft?

El Badawi: Weil die meisten Menschen sich auch private Träume erfüllen möchten, und die kosten nun mal Geld. Sagen wir, ich möchte mir irgendwann eine Immobilie kaufen – als Person aus der unteren Mittelschicht ist mir das als normal arbeitender Mensch, der sich nicht verausgabt oder im Lotto gewonnen hat, kaum möglich. Oder wir nehmen die Rente: Mit einem heutigen Durchschnittseinkommen würde ich mit 67 auf eine Rente von maximal 1.400 Euro kommen. Das heißt, ich wäre arm. Selbst bei nicht steigenden Fixkosten.

ALIAS: In welche dystopische Welt steuern wir also und wie reagieren Sie als Autor darauf?

El Badawi: Für mich besteht ein Problem meiner schriftstellerischen Arbeit darin, dass es keinen Spaß mehr macht, Dystopien zu schreiben. Entweder wurden die Ideen schon zu oft umgesetzt oder die erdachten Szenarien sind so real, dass ohnehin jeder weiß, dass sie in 10 oder 15 Jahren eintreffen. Umweltkatastrophen, demografischer Wandel, Einschränkungen der Grundrechte – sind das alles wirklich noch Zukunftszustände? Auch hier ist China ein gutes Beispiel: Auf dem Impfpass in diesem Land ist nicht nur gespeichert, ob man geimpft ist oder nicht, sondern es sind die persönlichen Daten der Bürger mit diesem Dokument gekoppelt – ihre geografische Lage und viele weitere Informationen. Die Einschränkungen persönlicher Freiheit, die in dem berühmten dystopischen Romanen von Orwell bis Huxley beschrieben wurden, sind dort zu einem großen Teil ja längst Alltag. Und weil es funktioniert, wird das auch hier irgendwann aufgenommen werden. Denn wir tauschen schließlich immer Sicherheit gegen Recht.

Zur Person: Samer El Badawi


Samer El Badawi war Soldat, hat als Model gearbeitet, steigt als MMA-Kämpfer in den Ring – und schreibt Romane.

Drei Titel liegen von dem 24-jährigen Hamburger bereits vor:

– „Das Gesetz der Zufriedenheit“
– „Oni: Sicherheitslücke Mensch“
– „Mephisto. Die Lüge des Garten Eden“


ALIAS: Der Erfolg eines Landes wird meist in Form des Bruttoinlandsprodukts, also anhand einer Zahl, gemessen. Das macht es einfach, doch diese Zahl bildet längst nicht alles ab, was sich als Erfolg werten ließe. Man könnte etwa einwenden, dass, was hinter der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft steckt, lediglich das Erfüllen von Begierden betrifft. Womit durch das Bruttoinlandsprodukt genau das Gegenteil von dem beziffert würde, was beispielsweise fernöstliche Lehren wie der Buddhismus dem Menschen nahelegen.

El Badawi: Dahinter verbirgt sich natürlich die große Frage: Was ist der Mensch? Ich denke, jeder trägt ein nicht geringes Maß an Egoismus und Narzissmus in sich. Wir müssen ehrlich sein: Wenn ich im Kino eine Werbung von Unicef sehe, empfinde ich vielleicht drei Minuten Mitleid für das hungernde Kind, das dort zu sehen ist. Vielleicht spende ich auch noch zehn Euro. Aber schon kurze Zeit später interessiert sich doch niemand mehr für dieses Kind. Als rationaler Mensch bin ich der Überzeugung, dass sich das limbische System in unserem Gehirn nicht ändern lässt. Da können wir so reflektiert sein, wie wir möchten. Wir sind dazu gemacht, in einem System zu überleben, nicht um hohe moralische Ansprüche zu erfüllen. Dazu sind wir als Personen auch viel zu unterschiedlich.

ALIAS: Wenige fragen sich außerdem: Warum spende ich die zehn Euro?

El Badawi: Um mein Gewissen zu beruhigen, denn um das Kind geht es in den wenigsten Fällen. Wenn der Buddhismus sagt „Begierde ist der Grund allen Leidens“, kann ich dem nicht widersprechen. Ich denke aber eben gleichzeitig, dass der Mensch nie in der Lage sein wird, seinen Egoismus zu bezwingen. Wozu der Mensch aber in der Lage ist: Ein System zu schaffen, das seine eigene Vernichtung vorantreibt.

ALIAS: Das klingt mir zu düster. Welchen Ausweg sehen Sie?

El Badawi: Kontrolle über sein Schicksal wird der Mensch erst wieder erlangen, wenn das System, das er geschaffen hat, dafür sorgt, dass die Wirtschaft Nachteile erfährt. Die wichtigste Zahl, die dieses Land auch noch in den nächsten zehn Jahren bewegen wird, bleibt daher das Bruttoinlandsprodukt.

Kontrolle über sein Schicksal wird der Mensch erst wieder erlangen, wenn das System, das er geschaffen hat, dafür sorgt, dass die Wirtschaft Nachteile erfährt.

Samer El badawi

ALIAS: Könnte es sein, dass vielen Menschen – auch gerade jüngeren – nicht mehr bewusst ist, wie dieses Land als Demokratie funktionieren soll? Stattdessen regiert das Gefühl. Ein Beispiel: Wenn eine Partei X eine Person Y wütend macht, wird es mittlerweile als selbstverständlich angesehen, dass Person Y Plakate dieser Partei vom Laternenpfahl reißen darf. Es scheint mitunter geradezu als anstößig zu gelten, die Ansicht zu vertreten, dass ein Rechtsstaat nur dann ein demokratischer Rechtsstaat sein kann, wenn seine Bürger bereit sind, auch Menschen mit abweichenden Meinungen am demokratischen Prozess teilhaben zu lassen.

El Badawi: Wir könnten nicht zusammen leben, wenn es nicht ein Recht gäbe, nach dem wir uns alle zu richten haben – egal, welche Moralvorstellungen wir hegen oder welche politischen Ansichten wir vertreten. Die Extreme nehmen immer konkretere Gestalt an – und es wird der Tag kommen, an dem diese Extreme aufeinandertreffen. Und zwar mit aller Gewalt. Der Mensch ist, was sein Aggressionsverhalten betrifft, sehr einfach gestrickt.

ALIAS: Warum sind sie sich da so sicher?

El Badawi: 2017, als in Hamburg der G20-Gipfel abgehalten wurde, habe ich in der Straße „Schulterblatt“ gelebt, dem Zentrum der Krawalle. Man hatte tatsächlich das Gefühl, sich im Bürgerkrieg zu befinden. Mir tut jeder Laden leid, der an diesem Tag geplündert wurde, aber was man dort vom Dach aus oder beim Spazierengehen durchs Viertel beobachten konnte, war verhaltenspsychologisch hochinteressant. Der nachhaltigste Eindruck für mich bestand darin, dass viele der Leute, die gewalttätig wurden, in ihrem Job vermutlich die harmloseste Person überhaupt abgeben. Aber sobald ihnen klar wurde, dass ihre Identität so schnell nicht offengelegt werden würde, schmissen sie Steine, zündeten Läden an und prügelten auf andere ein. Man konnte sehen, wie hauchdünn der Kitt aufgetragen ist, der unsere Zivilisation zusammenhält.

ALIAS: Sie sprachen eben davon, dass es schwierig sei, neue Ideen für dystopische Bücher zu finden. Wie wäre es mit einem Roman, der thematisiert, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn die psychische Stabilität ganzer Generationen nicht mehr gegeben ist? In anderen Worten: ein Buch über die Folgen der Leistungskultur im Zeitalter sozialer Medien.

El Badawi: Wir haben auf der einen Seite natürlich eine Gesellschaft, die resilienter werden muss; auf der anderen Seite leben wir in einer Welt, die mentale Gesundheit als immens wichtig ansieht. Hätten Sie einen normalen Angestellten vor fünfzig Jahren gefragt, ob bei seinem Bürojob so etwas wie eine Work-Life-Balance eine Rolle spielt, wären Sie ausgelacht worden. Ich kann jeden aus der älteren Generation verstehen, der nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll, wenn er die fehlende Widerstandsfähigkeit meiner Generation bemerkt. Sobald Konflikte auftreten, die für Ältere ganz normal waren, sind die Jüngeren völlig überfordert sind. Daraus ließe sich etwa folgendes Szenario entwerfen: Könnte diese Generation womöglich gar keine Lust mehr haben, das System am Laufen zu halten? Fragt sie sich vielleicht – und zwar aus ganz egoistisch Gründen: Warum soll ich mich um etwas kümmern, was mein Urgroßvater gegen die Wand gefahren hat? Wenn genug Menschen so denken, muss das System zusammenbrechen.

ALIAS: Auch in diesem Szenario befinden wir uns vielleicht schon, oder? Könnte es sein, dass das System, von dem sie sprechen, bereits gescheitert ist und wir nur noch das Auslaufen der Zahnräder einer Maschine erleben, der im Grunde längst der Strom abgestellt wurde?

El Badawi: Das halte ich für möglich. Und die größte Herausforderung für die Menschheit bestand schon immer darin, ein System zu reformieren, das nicht mehr funktioniert. Das lässt sich sowohl auf Themen wie die Digitalisierung anwenden, aber auch auf die in meiner Generation oft mangelnde intrinsische Motivation, hart zu arbeiten. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne liegt heute nicht einmal mehr bei fünf Minuten. Und damit soll man in der Lage sein, das bestehende System zu tragen?

Wenn mich jemand fragen würde, wo ich aufgewachsen bin, könnte ich keine ehrliche Antwort geben.

Samer El Badawi

ALIAS: Eine Lösung besteht für Sie darin, die Resilienz ihrer Generation zu erhöhen?

El Badawi: Resilienz, aber auch Disziplin, sind wichtige Faktoren, die den Jüngeren fehlen. Ja, es ist wichtig, dass Themen wie Depression behandelt werden. Ich weiß aber auch, dass meine Generation solche Erkrankungen gern als Ausrede nutzt. Dann heißt es: „Ich bin nicht in der Lage, vier Stunden am Tag zu arbeiten, weil ich depressiv bin. Ich kann mein Studium nicht weiterführen, denn ich bin depressiv. Ich kann keinen Sport machen, kann das Haus nicht mehr verlassen …“ Die Symptome einer depressiven Erkrankung bieten eine hervorragende Ebene, über die sich alles Mögliche abwehren lässt. Keine Frage, wer ernsthaft depressiv ist, braucht professionelle Hilfe. Der- oder diejenige macht aber auch mehr durch als viele aus meiner Generation, die nur behaupten, krank zu sein.

ALIAS: Worin liegt die Ursache der fehlenden Resilienz, die sie diagnostizieren?

El Badawi: Zum einen selbstverständlich in der finanziellen Situation vieler, die im internationalen Vergleich noch immer außerordentlich gut ist. Es geht uns fabelhaft. Und trotzdem meinen viele, dass sie leiden. Erzähle einem Kind Jahre lang, dass ein Baum böse ist und dieses Kind wird es irgendwann glauben – ganz unabhängig davon, dass Bäume keine moralischen Kriterien erfüllen können. Wer ständig zu hören bekommt, wie viele Menschen unter mentalen Problemen leiden, bildet sich eben ein irgendwann ein, er leide selbst darunter.

ALIAS: Warum sind wir so offen für solche Trugschlüsse?

El Badawi: Wir werden in einem System geboren, von dem wir erzählt bekommen, dass es funktioniert. Warum sollte ich mir also Sorgen machen? Alle Wege sind vorgegeben. Wer resilient ist, stand schon mal mit dem Rücken zur Wand. Er musste einen unbekannten, vielleicht furchterregenden Weg einschlagen. Doch was halten viele meiner Freunde und Bekannten für eine Situation, in der sie mit dem Rücken zur Wand standen? Eine gescheiterte Beziehung etwa. Ich möchte mir aber nicht fünf Mal anhören, dass du nicht an deinem Staatsexamen teilnehmen kannst, weil dein Freund mit dir Schluss gemacht hat. Wo sind deine Prioritäten? Natürlich sind Beziehungsprobleme hart. Aber es kann doch nicht sein, dass jemand deshalb seine berufliche Laufbahn riskiert.

ALIAS: Sie selbst mussten früh im Leben lernen, mit existenziellen Problemen umzugehen, weil sie in prekären Verhältnissen aufwuchsen …

El Badawi: Ich bezeichne es jetzt mal so: Meine Mutter war mit sich selbst nicht im Reinen. Als sie sich von meinem Vater getrennt hatte, kam irgendwann das Jugendamt ins Spiel. Ab meinem 14. Lebensjahr lebte ich in verschiedenen Jugendeinrichtungen. Wenn mich jemand fragen würde, wo ich aufgewachsen bin, könnte ich keine ehrliche Antwort geben.

ALIAS: Auf jeden Fall nicht in wohligen Verhältnissen.

El Badawi: Nein. In der Unterschicht. Und wer mit Sozialhilfeempfängern groß wird, der weiß, dass einige Probleme keine Probleme sind. Um den kleinen psychischen Knacks zu beheben, den man erleidet, wenn man so aufwächst, muss man mehr arbeiten als andere. Man möchte eben nicht nur überleben, sondern eine Perspektive haben, die es einem erlaubt, eine Schicht oder mehrere aufzusteigen.

ALIAS: Ließe sich daraus auch eine positive Lehre für unsere Gesellschaft ziehen?

El Badawi: Selbstbestimmung ist die einzige Möglichkeit für meine Generation, um aus der dystopischen Welt, die uns bevorsteht, noch etwas Positives zu ziehen. Sie muss sich klar darüber werden, dass wir nicht das Gesellschaftsbild der vorigen Generationen erfüllen müssen.

ALIAS: Was heißt das?

El Badawi: Zum Beispiel, dass es nicht die ultimative Erfüllung ist, einen Ferrari zu fahren. Denn das ist keine Selbstbestimmtheit. Wir sollten begreifen, dass der Spruch „Ich sitze lieber heulend im Ferrari als lachend auf dem Fahrrad“ Quatsch ist. Möglicherweise funktioniert es am besten, wenn man den Leuten diese Sicht zuerst in kleinen Communities näherbringt. In kleinen Gruppen kann man seinem Nächsten besser klarmachen, dass wir zwar vor großen Problemen stehen, dass diese Probleme aber nicht notwendig solche sind, die zwischen uns bestehen müssen. Wir müssen nicht gegeneinander kämpfen. Selbst wenn ich bloß Teil einer kleinen Gruppe bin, die das begriffen hat, führe ich schon ein erfüllteres Leben als der heulende Herr im Ferrari.


Δ Interview: Florian Friedman

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