Traumtanz der Eliten

Viele Politiker wollen nicht mehr gestalten und glauben an eine simple Pseudorealität, sagt der britische Filmemacher Adam Curtis. Seine neue Doku-Reihe erklärt, was das mit dem Populismus zu tun hat.


„These strange days did not just happen. We – and those in power – created them together.“
– Adam Curtis


„Querdenker“ ist ein ziemlich abgeschmacktes Etikett. Auf Adam Curtis trifft es tatsächlich zu. Dieser britische Filmemacher, seit den Achtzigerjahren für die öffentlich-rechtliche BBC tätig, entwickelte in den letzten Jahrzehnten einen unverkennbaren Stil. Sorgsam ausgewähltes, oft grelles und verstörendes Filmmaterial aus den Archiven der BBC und nicht weniger eindringliche Musikstücke werden zu stundenlangen, beinahe hypnotischen Kollagen zusammengeschnitten, über die Curtis dann in seiner Nachrichtensprecherstimme referiert.


Macht und Vereinfachung

Der rote Faden, der all seine Werke durchzieht, ist die Frage der Macht. Genauer gesagt, die Frage danach, wie Menschen Ideen aus der Soziologie, Psychologie, Philosophie oder Ökonomie sowie historische Mythen benutzen und abwandeln, um Macht zu erlangen oder zu behalten.

Im Vierteiler „The Century of the Self“ (2002) zeigte Curtis, wie Sigmund Freuds Theorien über das Unterbewusstsein zur Entstehung der Public-Relations-Branche führten und bis heute benutzt werden, um in westlichen, vermeintlich demokratischen Gesellschaften die Massen zu managen. In der Trilogie „The Power of Nightmares“ (2004) beleuchtete der Filmemacher die nach seiner Ansicht symbiotische Beziehung zwischen Islamisten und amerikanischen Neokonservativen sowie den Umstand, dass westliche Politiker es mittlerweile offenbar bequemer finden, Ängste in der Bevölkerung zu schüren, als Visionen für eine bessere Zukunft zu entwickeln.

Film-Still aus Adam Curtis’ „Can‘t Get You Out of My Head“ (Quelle: BBC)


„Bitter Lake“ (2015) zufolge werden die einfachen Gut-gegen-Böse-Erzählungen bestimmter westlicher Politiker den komplexen Realitäten in der islamischen Welt nicht gerecht: Viele islamistische Terrorgruppen, sagt Curtis, haben in Wirklichkeit ihren Ursprung in der Jahrzehnte währenden Allianz zwischen den USA und Saudi-Arabien. In „HyperNormalisation“ (2016) zog er dann Parallelen zwischen dem heutigen Westen und der Stagnation und Ernüchterung, die den „real existierenden Sozialismus“ in seinen letzten Jahrzehnten kennzeichneten.

Zu drei Themen kehrt Curtis in seiner Arbeit immer wieder zurück: 1. Viele Menschen sind mit dem politischen Status quo unzufrieden, aber trotzdem ändert sich nichts. 2. Unsere Politiker haben seit ungefähr den Siebzigerjahren aufgegeben, die Komplexität der realen Welt und vor allem des globalen Kapitalismus verstehen und gestalten zu wollen. Stattdessen präsentieren sie der Öffentlichkeit (mithilfe von Journalisten) eine verzerrte und stark vereinfachte Traumwelt beziehungsweise simplifizierte Moralerzählungen. 3. Der von den heutigen Eliten vertretene Freiheitsbegriff ist ein sehr verarmter und pessimistischer. Er hat seinen Ursprung im Menschenbild der Verhaltensökonomik. Menschen treten hier als selbstsüchtige, roboterhafte Kreaturen auf.


„Can‘t Get You Out of My Head“

Nun hat Curtis mit „Can‘t Get You Out of My Head: An Emotional History of the Modern World“ einen Sechsteiler vorgelegt, der in gewisser Hinsicht eine Fortsetzung von „HyperNormalisation“ ist. Der Filmemacher beschäftigt sich hier mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen der (primär westlichen) Idee des Individualismus und radikalen, kollektiven Gesellschaftsvisionen in ihrer linken und rechten Ausprägung. Von Curtis‘ vorherigen Werken unterscheidet sich die Serie vor allem dadurch, dass sie neben dem Westen auch einen Blick auf Russland und China wirft.

In allen drei Gesellschaften, konstatiert Curtis, regiert heute das Geld. Niemand kann genau sagen, wofür diese Gesellschaften eigentlich stehen sollen. Ihre Anführer wirken gelähmt und schaffen es kaum, ansprechende Zukunftsvisionen zu formulieren. In China versuchte man nach der marktwirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping die Bevölkerung durch die Wiedereinführung revolutionärer sozialistischer Losungen und Rituale zu mobilisieren und zu einen, merkte aber schnell, dass dies wenig glaubwürdig war. Forderungen nach Demokratie schlug man nieder, und heute geht es der chinesischen Führung laut Curtis vor allem darum, die Bevölkerung des Riesenreiches mittels Überwachungstechnik und des sogenannten Sozialkreditsystems in Schach zu halten.

Film-Still aus Adam Curtis’ „Can‘t Get You Out of My Head“ (Quelle: BBC)


In Russland wurde Wladimir Putin, eigentlich ein farbloser Apparatschik mit wenig eigenen Überzeugungen, von der radikalen Nationalbolschewistischen Partei und später auch von dem Oppositionspolitiker und Antikorruptionsaktivisten Alexei Nawalny unter Druck gesetzt. Er sah sich gezwungen, seinem oligarchischen und zutiefst korrupten System eine Art nationalistische, anti-westliche Ideologie überzustülpen, die allerdings kaum überzeugender ist als die der chinesischen KP.

Im Westen machte sich bereits in den Fünfzigerjahren ein unterschwelliges Unbehagen breit. Konservative Hausfrauen in den amerikanischen Vororten betäubten ihr Gefühl der inneren Leere mit Valium. Manche Bürger, vor allem Angehörige ethnischer Minderheiten, schlossen sich extremistischen Bewegungen wie der Black Panther Party an. Letztlich ließen sich die vermeintlich radikalen, aber in Wahrheit oft ziemlich narzisstischen Vorstellungen der Neuen Linken leicht in das moderne Machtsystem aus (Finanz-)Kapitalismus und Konsum integrieren oder liefen ins Leere.


Seitenwechsel

Mit der grassierenden Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit wurde zumindest in den USA der Missbrauch von Opioid-Schmerzmitteln endemisch. Doch trotz solcher Alarmsignale nahm sich das politische Establishment der Anliegen und Sorgen der gebeutelten Arbeiter- und Mittelschicht kaum an. Laut Curtis hatte es die Seiten gewechselt und betrachtete sich nicht mehr als Repräsentant des Volkes. Stattdessen vertraten die Politiker die Interessen des Großkapitals und des aufgeblähten bürokratischen Apparats, der in den bürgerfernen Strukturen der EU eine besonders problematische Form annimmt.

Film-Still aus Adam Curtis’ „Can‘t Get You Out of My Head“ (Quelle: BBC)


Als die Wähler in Großbritannien für den Brexit stimmten und in den USA für Donald Trump, fielen die linksliberalen Eliten aus allen Wolken. Sie hatten begonnen, an die ursprünglich aus instrumentellen Gründen geschaffene Traumwelt zu glauben und nahmen offenbar wirklich an, die westlichen Gesellschaften seien stabil und entwickelten sich in eine positive Richtung. So eingeigelt hatten sie sich in Schichten aus Vereinfachungen und Halbwahrheiten, dass sie laut Curtis auch das Aufkommen des Populismus nur durch die Brille einer allzu simplen Verschwörungstheorie interpretieren konnten: Putin hätte die Wähler mittels „Fake News“ in den sozialen Medien aufgestachelt.

Doch auch die Populisten, die das Establishment herausfordern, leben für Curtis in einer Art Traumwelt. Die vermeintliche Vision von konservativen Vordenkern wie dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon, dem Brexit-Party-Anführer Nigel Farage oder dem in Ungnade gefallenen Chefstrategen von Boris Johnson, Dominic Cummings, sei wenig mehr als nostalgische Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“, im Falle von Cummings gepaart mit einem utopischen Glauben an die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Auch rechts gediehen Verschwörungstheorien, etwa die Vorstellung, führende Politiker der Demokraten seien Pädophile, die sich das Blut von Kindern injizierten.

Film-Still aus Adam Curtis’ „Can‘t Get You Out of My Head“ (Quelle: BBC)


Plädoyer für mehr Mündigkeit

Wohin treibt die Welt? Für Curtis steht der Westen in der Coronakrise an einem Scheideweg. Der Filmemacher befürchtet die Entstehung einer Gesellschaftsordnung, in der die Ideen von Individualismus und individueller Freiheit verschwinden – wie in China. Eine andere Möglichkeit ist die Restauration des linksliberalen Paternalismus (die Wahl Joe Bidens deutet in diese Richtung). Oder es entsteht etwas komplett Neues. Aber was?

In einem ziemlich radikalen Schlussplädoyer, bei dem man sich wundert, dass es von der BBC überhaupt gesendet wurde, ruft der Filmemacher zu mehr Selbstbewusstsein und Mündigkeit auf. Wir müssten gegen psychologische Theorien rebellieren, die uns sagen, wir seien schwach und manipulierbar: „Vielleicht sind wir tatsächlich viel stärker, als wir denken.“ Curtis schließt mit einem Zitat des Kulturanthropologen und anarchistischen Publizisten David Graeber: „Die ultimative, verborgene Wahrheit der Welt ist, dass sie etwas ist, das wir machen und ebenso gut anders machen könnten.“

Mit „Can‘t Get You Out of My Head“ hat Adam Curtis eine Doku-Reihe in seinem typisch impressionistischen, zum Teil leider etwas vagen und zusammenhangslosen Stil geschaffen. Die Botschaft aber ist klar: In einer Welt gesichtsloser Bürokratien, orientierungsloser, weltfremder und immer autokratischer agierender Regierungen und vermeintlich alternativloser Markt- und Globalisierungsimperative bricht der Filmemacher eine Lanze für die Freiheit und Mündigkeit des Individuums – und für demokratische Politik als kollektive Selbstbestimmung. „Can‘t Get You Out of My Head“ ist sehenswert.


Δ Kolja Zydatiss


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