Entropie am Baggersee

Simon Stålenhag malt und erzählt von Technik als Gefahr und Chance. Sein erstes Buch finanzierte er per Crowdfunding – mittlerweile verfilmt Hollywood die Bilder des Schweden.

Simon Stålenhag um Auskunft über seine Kunst zu bitten, heißt, ihn nach dem Prinzip zu fragen, das unser Universum bestimmt: Alle Dinge neigen sich in Richtung Chaos – am Ende gewinnt die Entropie und lässt noch die sicherste Wohlstandsfestung einstürzen. Trotzdem, sagt Stålenhag, lohnt es sich zu kämpfen.

Mit einem Bruttonationaleinkommen von mehr als 50.000 US-Dollar pro Kopf gehört seine Heimat Schweden zu den reichsten Staaten der Welt, und man muss kein Möbelhaus mit vier Buchstaben besucht haben, um zu ahnen, dass dieses Land es sich selbst in der Apokalypse gemütlich einrichten würde. Mitunter kann so eine Haltung, das weiß Stålenhag, seltsame Blüten treiben. Im Zeitalter des beinahe totalen Entertainments laufen viele Schreckensszenarien ins Leere. „Plötzlich finden wir es gemütlich, uns dystopische Filme wie Blade Runner anzuschauen“, sagt er. „Das ist bizarr.“


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Tales from the Loop

In seinem illustrierten Roman Tales from the Loop malt und erzählt Stålenhag die Geschichte eines Schwedens der Achtzigerjahre, in dem die Menschen der Wissenschaft viel mehr Bedeutung beimessen, als dies tatsächlich der Fall war. Seine Bilder wecken Erinnerungen an eine futuristische Vergangenheit, die wir nie hatten. Hightech, das noch heute Zukunftsmusik ist, trifft auf eine Welt im Look eines Commodore 64.

Das per Crowdfunding finanzierte Buch des 37-Jährigen wurde 2014 so erfolgreich, dass Hollywood anbiss: Die Bilder aus Tales from the Loop dienen als Vorlage für die gleichnamige Fernsehserie, die auf Amazon Prime läuft und von Regisseuren wie Mark Romanek (One Hour Photo) oder Andrew Stanton (Findet Nemo) inszeniert wird. Die Brüder Anthony und Joe Russo (Avengers: Endgame) haben sich unterdessen die Rechte für ein weiteres Stålenhag-Buch, The Electric State, gesichert.

In Tales from the Loop arbeiten Wissenschaftler tief unter Mälaröarna, einer Inselkette westlich von Stockholm, an einem Teilchenbeschleuniger. Im Herzen dieses „Loops“ spendet das Gravitron Energie, eine rätselhafte technische Errungenschaft, von der niemand wirklich ahnt, welches zerstörerische Potenzial noch in ihr verborgen liegt.

Der Untergang bleibt nur angedeutet: Vieles rostet in den Industrieruinen Mälaröarnas seinem Ende entgegen, aber es fahren auch Maschinen mit Antigravitationstechnik autonom die Ernte ein, Kinder stehlen zum Ärger der Polizei fernsteuerbare Roboter und über der Vorstadt schweben kolossale Luftfrachter. Nur halbherzig nehmen die Bewohner des Ortes, während sie ihre Einkäufe nach Hause tragen, die monströse Technik am Himmel zur Kenntnis.

Tales from the Loop: Hightech im Stoppelfeld


Schrecken als Balsam

Sowohl die TV-Serie Tales from the Loop als auch die Buchvorlage bieten reichliche Momente und Motive, um wohlig an vergangene Zeiten zu denken. Stålenhags Arbeiten sind seitdem dunkler geworden. „Heute will jeder alles so aussehen lassen wie in Filmen, mit denen er oder sie in den Achtzigern aufgewachsen ist“, sagt er. Für ihn auch bloß eine Art, traurig in die Zukunft zu blicken. „Die Patina und der Dreck, die wir heute auf dem Bildschirm sehen, sind nicht länger da, um uns zu erschrecken. Sie sollen uns beruhigen.“

Stålenhag selbst schaut zum Einschlafen gern David Lynchs 1984er Verfilmung des Science-Fiction-Romans Dune – eine düstere Zukunftsvision, zu deren scheußlichsten Szenen der Auftritt eines mit eiternden Pusteln übersäten Tyrannen gehört, der einen Lakaien verbluten lässt, um sich an dem Sterbenden sexuell zu ergötzen.

„Unser Fernsehapparat sichert uns eine ständige Verbindung zur Welt“, hat der Medienwissenschaftler Neil Postman einmal geschrieben. „Er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“ Wo die Dystopie sich zur Nostalgie hin abgenutzt hat, gerät das Grauen zur Kuscheldecke. Es lullt uns auch in Momenten ein, in denen Behaglichkeit das Letzte ist, was uns hilft.

Behaglich verliefen auch Stålenhags frühe Jahre. Er verlebte eine glückliche Kindheit auf dem Land, in eben jenem Ort Mälaröarna, der Tales from the Loop inspiriert hat. Erst als seine Eltern sich scheiden ließen, war es mit der Idylle vorbei. Stålenhag, damals zehn Jahre alt, erlebte die Trennung als private Apokalypse. „Mir wurde klar: Meine Eltern waren auch nur Kinder. Sie waren nicht cooler als meine Freunde und ich. Sie hatten mich angelogen.“

Stålenhag lässt uns seine erfundenen Welten oft durch die Augen von Kindern entdecken. Wir beobachten, wie sie die Technik ihrer Gesellschaft deuten und von ihr beeinflusst werden. Bis heute sind es auch die Schattenseiten der Jugend, denen Stålenhag in seinen Büchern auf der Spur ist: Lieber malt er Kinder, die versuchen, ihre Kuscheltiere zu erschießen, als selige Familienausflüge ans Meer. „Ich halte nichts von der Vorstellung, dass Kinder diese wundervollen, unschuldigen Geschöpfe sind, die gegenüber Erwachsenen im Grunde die moralische Überlegenheit haben. Man fühlt sich als Kind schlecht, wenn man etwas ausgefressen hat, weil man weiß, dass es falsch war.“

Von der ländlichen Idylle Schwedens ist in Stålenhags neueren Arbeiten nichts mehr zu erkennen. Labyrinth, sein jüngstes Buch, spielt in einer durch Technik fast restlos zerstörten Zukunft. Die Protagonisten des Romans leben jedoch in einer geschützten Umgebung, in der sie es sich heimelig machen können. Auch hier scheint sie durch, die seltsame Postapokalypsen-Behaglichkeit des 21. Jahrhunderts, an der Stålenhag teilhat, sich aber auch stößt.

Stålenhags Tales from the Loop inspirierten die gleichnamige Amazon-TV-Serie.


Das Dilemma heißt Entropie

Bei aller Sorge, die er für die Gefahren der technologischen Entwicklung empfindet, ist er überzeugt davon, „dass der einzige Weg aus dieser Misere ein technologischer ist“. Für Stålenhag sind wir durch und durch technische Wesen. Homo Sapiens besitzt keine besonderen physischen Stärken und muss deshalb „Dinge erfinden, um zu überleben.“ Schon einen schwedischen Winter würden wir ohne technische Hilfsmittel wie Kleidung oder Feuer bloß Minuten überstehen.

Das menschliche Dilemma heißt Entropie, ist durch ein Naturgesetz bedingt (genauer: den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik) und daher in letzter Instanz unabwendbar: Die Unordnung – deren Maß man Entropie nennt – nimmt in einem geschlossenen System nie ab. Es ist diesem Umstand geschuldet, dass wir in unserem Leben zwar jede Menge zerbrochene Eier sehen, aber keines, das sich, liegt es erst einmal zerplatzt am Boden, wieder zu einem unversehrten Ganzen formt. Egal, um was es sich in der Welt handelt – es existieren für jedes Ding stets mehr Möglichkeiten, unordentlich als ordentlich zu sein. Warme Gegenstände kühlen ab, Metall rostet, Holz wird morsch und Zivilisationen zerfallen. Anders gewendet: Atome neigen dazu, sich gleichmäßig im Raum zu verteilen. Was bedeutet, dass unser Universum auf lange Sicht – und mit naturwissenschaftlicher Gewissheit – nicht nur immer mehr an Ordnung verliert, sondern auch eintöniger und lebloser wird.

Was hat das mit Stålenhags Kunst zu tun? Wissenschaft und Technik erlauben es dem Menschen, das Chaos zurückzudrängen. Denn denkt man nicht gerade in astronomischen Größen, ist ein Anstieg der Entropie nicht unausweichlich. Zeitweilig lässt sich die Kurve abflachen. Stålenhag hat sich mit dem Loop ein außergewöhnlich ehrgeiziges Projekt ausgemalt, das für diese Kraft des Fortschritts steht. Gleichzeitig erinnern uns seine zerfallenden Welten an die Drift ins Chaos.

Labyrinth: Stålenhags jüngstes Buch spielt in einer zerstörten Welt.


Nicht nur der Wohlstand Schwedens erscheint aus dieser naturwissenschaftlichen Perspektive wie eine Anomalie. „Armut muss nicht erklärt werden“, sagt der kanadische Psychologe und Linguist Steven Pinker. „In einer durch Entropie und Evolution bestimmten Welt ist sie der Grundzustand der Menschheit. Materie arrangiert sich nicht einfach zu einem Obdach und Kleidung, und Lebewesen tun alles, was sie können, um nicht zu unserer Mahlzeit zu werden. Was erklärt werden muss, ist Wohlstand.“ Die Katastrophe, von der Stålenhag so eindringlich in Bildern erzählt, kommt ohnehin, und zwar, glaubt man Denkern wie Pinker, umso schneller, je fortschrittsfeindlicher eine Gesellschaft ist.

Seien es Klimaveränderungen, Asteroideneinschläge oder Pandemien: Aus dem Ansteigen der Entropie folgt, dass wir uns stets neuen Problemen gegenübersehen werden. Eine konkrete Technik taugt immer nur für begrenzte Zeit als Damm, um die Sturmflut des Chaos aufzuhalten. Den Tod bekommt man geschenkt, Leben aber bedeutet Arbeit. Und vor allem: Innovation. Ohne Pioniere keine Zukunft.

„Das Ganze ist allerdings ein zweischneidiges Schwert“, schränkt Stålenhag ein. „Man kann Räder genauso gut benutzen, um einen Getreidekarren zu ziehen, wie man sie verwenden kann, um eine Kanone in Position zu bringen.“ Wer Technik verantwortungsvoll nutzen will, sagt er, ist deshalb auf funktionierende Gesellschaften angewiesen. „Wir brauchen einen intakten Markt für Ideen, damit wir Lösungen für unsere Probleme finden. Das ist die größte und wichtigste Erfindung, aus der alles andere folgt und die wir unbedingt schützen müssen.“

Über Facebook und ähnliche Plattformen werden jedoch, sagt Stålenhag, so viele Daten so schnell in Umlauf gesetzt, dass sie an uns vorbeirauschen: „Ich glaube, dass soziale Medien anti-demokratisch sind.“ Es fehle die Zeit, neue Informationen zu bewerten. Was sich darin zeige, „dass sich mittlerweile aus jeder noch so verrückten Idee offenbar erfolgreich eine politische Bewegung aufbauen lässt“. Ob Reichsbürger, 9/11-Truther oder Covid-19-Aluhüte: Die sozialen Medien erweisen sich als politischer Brandbeschleuniger.

Tales from the Loop: Gauss-Frachter über Mälaröarna.


Benutzte Zukunft

Dass Stålenhag trotzdem alles andere als technikfeindlich ist, zeigt schon seine Art zu malen. Die Gemälde des Schweden entstehen digital: Er arbeitet mit einem Grafiktablet und Photoshop. Zu seinen Helden zählen Ralph McQuarrie und Syd Mead, zwei Concept-Artists, die Science-Fiction-Filme wie Star Wars, Blade Runner oder E.T. prägten. Damit ist er ein Kind der „used Future“, der „benutzten Zukunft“. 1977 brachte George Lucas mit Star Wars diese Ästhetik einer Zukunft auf die Leinwand, in der nicht alles wie durch Magie auf Hochglanz poliert ist, sondern die Entropie ihr zerstörerisches Werk fortführt. Hier sahen viele zum ersten Mal, dass eine fliegende Untertasse auch ein Slum sein konnte. Han Solos Millennium Falcon war kein makellos glänzendes Raumschiff, sondern ein „schmuddeliger Müllcontainer voller Kesselteile, dreckigem Geschirr und abgewetzten Polstern“, wie der Künstler John Powers in einem Essay festgestellt hat.

Ähnlich realistisch wirken die Gemälde aus Tales from the Loop: In den Momentaufnahmen von Stålenhags retrofuturistischem Hinterland meint man, alte Volvos anspringen zu hören, und ein Blick auf die Dellen im Metall der Laufmaschinen, die durch den Wald Mälaröarnas patrouillieren, wird zum taktilen Erlebnis. Selten war Entropie so schön anzusehen.

Als Kind galt Stålenhags erste Liebe aber nicht Robotern oder anderem Hightech. Ihn faszinierte die schwedische Landschafts- und Tiermalerei von Gunnar Brusewitz und Lars Jonsson. Auch in den Motiven dieser Künstler entdeckt er den Menschen: „Felder und Forste sind keine Wildnis, sondern wurden von Menschen angelegt – das ist Technik.“ Im Kern beschäftigt ihn in allen seinen Arbeiten die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Gigantische Architektur ist für ihn ein Aspekt davon, eine Erntemaschine, die jemand in einem Feld stehen gelassen hat, ein anderer.

Labyrinth: Hand in Hand durch die Post-Apokalypse.


Schönheit und Chaos

Zur Sehnsucht nach einer technologischen Vergangenheit, die so nie existiert hat, gesellt sich bei Stålenhag der genaue Blick eines figurativen Malers, der – noch ganz im Sinne des Kunstverständnisses vergangener Jahrhunderte – das Schöne zusammen mit dem Guten denkt. Während viele seiner Zeitgenossen in der bildenden Kunst von Maßgaben wie Schönheit oder handwerklichem Können nichts mehr wissen wollen, strebt er nach dem idealen Bildaufbau und ästhetisch-handwerklicher Perfektion.

Das Universum schreitet vom Unwahrscheinlichen, der Ordnung, zum Wahrscheinlicheren, der Unordnung, voran. Stålenhag aber hat kein Interesse am (allzu) Wahrscheinlichen, dem heute in der Kunst gern gehuldigt wird. Seine Arbeiten erschöpfen sich nicht im chaotischen Alltag, zeigen keine schnöden Repliken von Scheuerschwamm-Kisten (Warhol „Brillo Box“, 1964) oder ein ungemachtes Bett (Emin „My Bed“, 1998). Seine Kunst widersetzt sich der Entropie. Stålenhag erschließt unwahrscheinlicheres Terrain. Er ordnet das Alltägliche zu etwas, das auf mehr als sich selbst verweist. In früheren Jahrhunderten hätte man von Schönheit gesprochen.

Das Milieu der zeitgenössischen Kunst betrachtet Stålenhag skeptisch. „Die wenigen Male, als ich Leute aus der Kunstszene getroffen habe, schien es mir immer so, als ginge es da viel eher um Mode und Restaurantbesuche. Diese Menschen waren nicht so sehr an Bildern, sondern vor allem an teuren Dingen interessiert.“ Alles nur eine Frage der Statussymbol-Produktion? Ja, findet Stålenhag. „Und nichts könnte mich weniger interessieren.“ Er selbst war nie darauf angewiesen, sich am Kunstmarkt zu etablieren, musste nie lernen, sich im Wertekanon der Galerien und Sammler zu bewegen. Seine ersten Fans gewann er via Facebook und Twitter. Die englische Buchausgabe von Tales from the Loop finanzierte er über eine Crowdfunding-Kampagne, die bei einem Zielbetrag von 10.000 Dollar mehr als 300.000 Dollar einbrachte.

Tales from the Loop: Knöcheltief im Chaos


Im schlimmsten Fall zimmert man sich mit ästhetischen Vorstellungen, wie sie Stålenhag pflegt, einen mit kitschigen Andenken gefüllten Setzkasten. „Ich bin ein nostalgischer Mensch“, gibt er zu. „Aber ich ringe damit. Das ist wie eine Entgiftung: Ich möchte nicht mehr in alten Zeiten schwelgen. Mittlerweile fühlt nostalgische Kunst sich für mich wie Junkfood an.“

Kaum eines seiner Bilder ist vollends nostalgisch. Es gibt fast immer auch etwas Beunruhigendes oder Unheimliches zu entdecken. In Tales from the Loop steht ein badender Junge knöcheltief im Wasser einer überschwemmten Kiesgrube. Bis zum Horizont erstrecken sich verrostende, vor Jahrzehnten aufgegebene Maschinen. Nirgends ist ein Erwachsener in Sicht, der das Kind davor warnen könnte, zu weit hinauszuschwimmen.

Am Ende, das sagt uns die Wissenschaft, werden Chaos und Eintönigkeit siegen. Grundlegender als der Satz, dass Entropie in einem geschlossenen System nie abnimmt, ist kein Naturgesetz. Nicht weniger wesentlich ist es aber für das Leben, sich gegen die Entropie zu stemmen. Mit seiner Kunst steht Stålenhag hierfür. Er zeigt uns den Untergang und Wege, ihm zu entgehen. Er schwimmt weiter hinaus als andere.


Text: Florian Friedman
Illustrationen: Simon Stålenhag

Dieser Artikel erscheint als Teil unserer Technik-Wochen.

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