Bicep: Gesprengte Ketten

Bicep widersetzen sich den Zwängen der technologischen Gesellschaft, vertrauen im Zweifel auf den Menschen – und machen Musik, die tief anrührt.

Kraftwerk haben uns belogen: Die Vorstellung von elektronischer Musik als einem Genre, in dem sich Künstler und Fans nur allzu gern in die eiskalten Arme der technologischen Gesellschaft werfen, ist ein Mythos.

Schon wer auf den ersten Raves mittanzte, wusste, dass sich die Menschen hier nicht als Rädchen in der Mechanik des technischen Systems feierten. Im Gegenteil: Gemeinsam stemmte man sich – zugegeben, meist unbewusst – gegen den Effizienzdruck der Moderne. Synthesizer und Drumcomputer lieferten den Sound, doch unterwerfen wollte man sich den Maschinen nicht.

Andrew Ferguson und Matt McBriar stehen für diese Haltung. Als Bicep haben die beiden mit Isles eines der meist erwarteten Alben des Jahres veröffentlicht. Schon 2017 erinnerten sie an die befreiende Kraft der elektronischen Tanzmusik. Im Video zu ihrem Stück Glue führte das aus Belfast stammende Duo den Zuschauer an Plätze, die britischen Techno-Fans lange Raum boten, sich der Entfremdung zu widersetzen: Clubs, Lagerhallen, Felder – heute verlassene, oft heruntergekommene Orte, früher Ritualstätten, in denen Autonomie und Kollektiv auf wundersam menschliche Weise zusammenfanden.

„Von 88 bis 93 war ich mit den Feen unterwegs. Die beste Zeit meines Lebens“, lautet einer der YouTube-Kommentare, die Bicep in das Glue-Video eingeblendet haben. Zeugnisse einer Zeit, in der alles möglich schien und man glaubte, gemeinsam Ketten gesprengt zu haben. Vielleicht nur für ein Wochenende, aber immerhin.

Im Clip zur neuen Single Saku drehen Bicep den Blickwinkel radikal: Eine junge Frau, auf dem Sprung zur nächsten Party, läuft durch ein Treppenhaus, das sich als Endlosschleifen-Hölle entpuppt. Die Menschen, denen sie begegnet, sind immer dieselben. Wo Glue noch die Verbundenheit des einzelnen Feiernden mit der Welt in Erinnerung rief, werden nun bis zur Panikattacke gesteigerte Momente totaler Einsamkeit heraufbeschworen. Weil sie sich – wie ein mechanischer Vorgang – ständig wiederholen, geraten die Begegnungen der jungen Frau zum Horrortrip. Die Entfremdung ist perfekt.

Hier ein durch Technik erst ermöglichtes Gefühl von Harmonie, dort soziale Fragmentierung – Bicep erkunden beide Seiten der modernen Gesellschaft.


Eine Evolution, die nicht unsere ist

Nach dem französischen Philosophen Jacques Ellul ist Technik die „Gesamtheit aller Methoden, die rational entstanden sind und in jedem Bereich menschlicher Aktivität absolute Effizienz (für einen bestimmten Entwicklungsstand) aufweisen“. Das Problem: Effizient ist das technologische System nicht stets für den Menschen, sondern in Bezug auf sich selbst. Seine Entwicklung deckt sich nicht notwendig mit unseren Interessen.

Weil dieses System laut Ellul als eigenständige Entität operiert, die unerbittlich alles überwältigt, was keine Technik ist, raubt es uns Freiheit. Mehr und mehr setzt es den Menschen in ein Raster, das seine Bewegung einschränkt. Im Bild des Saku-Clips: Das Treppenhaus, das wir guten Mutes betreten haben, bietet immer weniger Auswege.

Fast jeder einzelne technische Fortschritt erscheint zunächst erstrebenswert. Später zeigt sich jedoch oft, dass die Neuerung im Verbund mit weiterer Technik unsere Freiheit einschränkt. So wäre es für die meisten unbegreiflich gewesen, die Einführung des Telefons zu kritisieren. Schließlich bot dieses neue Kommunikationsmittel jede Menge Vor-, aber keine erkennbaren Nachteile. Dagegen scheint es heute absurd, das Telefon noch als bloße Option zu betrachten – telefonisch erreichbar zu sein, wird schlicht vorausgesetzt. Die maschinelle Errungenschaft bringt der technologischen Gesellschaft Nutzen, im Zweifel aber nicht dem Individuum. Man denke etwa an den Angestellten, von dem nun erwartet wird, am Wochenende E-Mails über sein Smartphone zu checken.

Und doch lohnt es, das beweisen Bicep auf mehreren Ebenen, trotz dieser Fallen, in die wir immer wieder tappen, nach Alternativen zum jeweiligen Stand der Technik Ausschau zu halten.

Die beiden Iren produzieren ihre Musik zum großen Teil „out of the box“, sprich: außerhalb des Computers. Das Arbeiten per Software innerhalb eines Rechners bietet in der Musikproduktion enorme Vorteile. Neben müheloserem Arbeiten und einem theoretisch unbegrenzten Arsenal an Instrumenten und tontechnischen Werkzeugen ermöglicht es vor allem eine ungeheure Präzision. Für Bicep, die überwiegend mit analoger Hardware produzieren, bleibt ein Perfektionsniveau, wie es der Computer gestattet, unerreichbar.

Gegen den Trend: Bicep arbeiten gern außerhalb des Rechners (Foto: Dan Medhurst)

„Manchmal versuchen wir einen Sound nachzubilden, den wir mit einem analogen Synthesizer wie dem Roland SH-101 erzeugt haben“, erklärt Ferguson. „Das klappt aber nicht immer. Dann muss man sich mit der ursprünglichen Version, die vielleicht einen kleinen Fehler hat, begnügen. Bei unserem Song Atlas war das so. Aber das ist ja auch das Wunderbare am Musikmachen außerhalb des Rechners: Du fängst den Moment ein und bist gezwungen, darauf zu vertrauen, dass der Schritt, den du in diesem Moment gegangen bist, der richtige war.“

Bicep erobern sich so ein Vertrauen ins menschliche Wirken zurück, das mancher längst verloren glaubte. Effizient ist für sie, was ihnen hilft, kreativ zu sein, nicht, was das technische Raster vorgibt.

Selbst in der Tontechnik stoßen sie die Maschine von ihrem Thron. „Wir synchronisieren Delays mittlerweile nach Gehör, das sorgt für einen ganz anderen Groove“, sagt Ferguson und meint damit das – sonst vom Computer erledigte – zeitliche Anpassen eines in der Musikproduktion allgegenwärtigen Verzögerungseffekts (umgangssprachlich: Echo). McBriar ergänzt: „Wenn du solche Aufgaben nicht ständig dem Computer überlässt, kommst du in den Genuss von lauter glücklichen Zufällen. Zum Beispiel wenn man das Delay anmacht und es nicht auf die perfekte Zeit eingestellt ist, gerade deshalb aber super in den Song passt.“

Biceps Art, Musik zu produzieren, führt nicht nur zu aufregenderen Songs; sie schult auch das Gehirn in Bereichen, die das Wählen eines Computer-Presets niemals ansprechen könnte. Hier wiederholt sich Technikgeschichte: Das Telefon, hat sich heute herausgestellt, ist nicht, was wir gestern noch dachten, dass es sei – es gestaltet unseren Geist um. Dasselbe gilt für Musiktechnologie und alle anderen technischen Werkzeuge für Künstler, selbst wenn sie ursprünglich dazu gedacht waren, uns kreativer zu machen.

Wer hätte im 19. Jahrhundert wissen können, dass Telefone, bei denen es doch allein ums Sprechen zu gehen schien, einmal zur Sprachverarmung führen könnten, weil es leichter ist, seinem Gegenüber ein Handy-Video vor die Nase zu halten, als etwas in Worten zu schildern? Bicep beugen auch Gefahren wie diesen vor, wenn sie sich technisch einschränken. Sie durchkreuzen den Kurs der technologischen Gesellschaft, verzichten dabei aber im Ganzen weder auf die Mittel noch den Stil des Systems.

Umzug ins neue Studio: Wo andere fast nur noch im Rechner produzieren, setzen Bicep
weiter auf Hardware. (Foto: Bicep)


In der Wiederholung liegt die Kraft

Biceps Musik ist hochgradig repetitiv. Durch fast alle ihrer Songs ziehen sich Melodien und Rhythmen in ständiger Wiederholung. Spätestens hier könnte man ein Zugeständnis an die Monotonie des Maschinen-Zeitalters vermuten. Ferguson und McBriar sehen darin aber ganz im Gegenteil ein Zeichen gelungener Emanzipation.

„Tanzmusik war für uns auch immer ein Weg, um aus der technologischen Gesellschaft zu fliehen“, sagt McBriar. „Wir kommen beide aus der Techno-Szene. Diese Form elektronischer Musik hat ein meditatives Element, das wir bis heute lieben. Zu viel Abwechslung würde an dem vorbeiführen, worum es uns geht. Erst wenn man eine Menge wiederholt, werden aus kleinen Veränderungen wirklich kraftvolle Momente.“

Die Wiederholung erlaubt dem Hörer, sagt McBriar, sich zu fokussieren. So wie ein Meditierender selbst kleinste Veränderungen seines Atems bemerkt, sorgt die Gleichförmigkeit vieler Bicep-Stücke dafür, dass schon winzige Variationen außerordentliche Energie freisetzen. „Wiederholungen sind wichtig, weil man damit einen Zustand erreicht, in dem man die Welt zu verlassen scheint“, erklärt McBriar. „Dann kannst du das System überwinden.“

„Wiederholungen können Spannung erzeugen“, sagt Ferguson. „Wenn man die im richtigen Moment durch Veränderung auflöst, macht es auf der Tanzfläche sogar Spaß, sich fünf Minuten in einem Delay-Effekt zu verlieren. Wir wollen monoton klingen, aber eben auch Interesse beim Hörer wecken.“

Eine Art, dieses paradox anmutende Ziel zu erreichen, besteht für Bicep darin, ihre Songs nicht zu programmieren, wie es heute selbst außerhalb der elektronischen Musik gang und gäbe ist. Stattdessen jammen sie in ihrem Studio wie eine Live-Band. Durch den Einsatz zahlreicher analoger Werkzeuge, die noch per Hand bedient werden müssen, verleihen sie ihren Stücken so die richtige Dosis Zufall – menschliche Unvollkommenheit ist ausdrücklich willkommen.

Biceps Arbeitsweise ist ein Erbe aus ihrer Zeit als feiernde Teenager: So unreflektiert mancher Partygänger auch sein mag, kann er doch sein Scherflein zum zivilen Ungehorsam gegenüber der technologischen Gesellschaft beitragen. Es besteht darin, sich der totalen Effizienz und damit der Perfektion als Endkriterium zu verweigern. „Wir streben nie nach Perfektion“, sagt McBriar. „Wir streben nach Glück. Das ist schwer genug.“

Für Bicep gilt noch heute, was Ellul über den Status der Technologie im 15. Jahrhundert geschrieben hat: „Fast unbewusst hielt der Mensch mit der Technik Schritt und kontrollierte ihren Gebrauch und Einfluss. Dies resultierte nicht aus einer Anpassung des Menschen an die Technik (wie in der Gegenwart), sondern aus der Unterordnung der Technik unter den Menschen.“

„Wir streben nach Glück. Das ist schwer genug.“

Matt McBriar

„Jetzt wollen wir tanzen mechanik“, ließen Kraftwerk 1978 die Roboter in ihrem gleichnamigen Stück singen. Bei aller Bewunderung, die Bicep für die Düsseldorfer Electronica-Pioniere hegen (in Hawk zitieren sie deren Meilenstein Trans Europa Express) vollführen sie doch einen ganz anderen Tanz. Ferguson und McBriar sind eben keine Mensch-Maschinen, wie Kraftwerk sie Ende der Siebzigerjahre beschworen. Über den PR-Gag vom „Musikarbeiter“, den die deutschen Wegbereiter des Techno zu ihrem Leitmotiv erhoben, schmunzeln sie nur noch der Höflichkeit halber.

Vielleicht war so eine Haltung nie wertvoller als im Zeitalter der digitalen Vernetzung, die über Social-Media-Algorithmen und virtuelle Echokammern das Individuum zu normieren scheint, wo es nur geht. Bicep vollbringen das Kunststück, einerseits Monotonie zu kultivieren, sich gleichzeitig aber der Gleichförmigkeit zu entziehen.

Ferguson und McBriar verweigern sich dem Effizienzdruck des technologischen Systems, dem daran gelegen ist, den Strom von möglichst geschmeidigem Songmaterial gen Streaming-Plattformen und Hitradio-Sendern aufrechtzuerhalten. Die digitalen Mittel, die es Produzenten heute leicht machen, Uniformität zu liefern, heißen zum Beispiel: Audio-Quantisierung, selbstlernender Equalizer, Pitch-Correction, Modeling-Technologien, Brick-Wall-Limiter … Auch Bicep greifen mitunter zu solchen Werkzeugen. Das am Ende vieles, was sie produzieren, sehr geschmeidig klingt, tut der Bedeutung hinter ihrem Ungehorsam jedoch keinen Abbruch: Isles strotzt vor warmen Synthesizer-Flächen, die gleichzeitig wohlig wie unheilschwanger klingen können. UK-Garage-Anleihen treffen auf wuselnde Beats im Stil von Orbital oder Future Sound of London. Als Bindemittel, das all diese Einflüsse zusammenhält, nutzen sie Vocal-Samples und verleihen Isles so eine mystische Qualität, die noch im Wohnzimmer ein Lebensgefühl aufglimmen lässt, das seine Heimat eigentlich auf der Tanzfläche hat.

In der Monotonie einer Roland-TR-909-Kickdrum liegt für Bicep ein Sieg über den Kassenscanner, der sie im Supermarkt dem Takt der Kundenabfertigung unterwirft. In der Interaktion mit Technik, die zwar ineffizient ist, sich dafür aber noch anfassen lässt, finden sie ihren Triumph über die Zwänge von Flugplänen, Hypothekendarlehen, absolutem Halteverbot, Steuererklärungen und Zoom-Konferenzen. Vielleicht nur für einen Nachmittag im Studio, aber immerhin.

Ferguson und McBriar, ihrer wilden Partyzeit längst entwachsen, sind noch immer „mit den Feen unterwegs.“ Man hört es ihrer Musik an.


„Isles“ von Bicep ist erschienen bei Ninja Tune/Rough Trade.


Δ Florian Friedman


Dieser Artikel erscheint als Teil unserer Technik-Wochen.

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