Gary Numan: „Wir erkannten, dass eine Revolution bevorstand“

Elektropop-Pionier Gary Numan über den Tag, als ein Synthesizer seine Welt auf den Kopf stellte.

Als ich zum ersten Mal einen Synthesizer berührte, wusste ich: Das hier ist lebensverändernd. 1978 spielte ich Gitarre in einem Punk-Trio, das Tubeway Army hieß. Wir wollten gerade unser Debütalbum aufnehmen, da sah ich im Studio diesen Synthie stehen – einen Minimoog.

Was für ein Raumschiff! Mich faszinierten sofort die unzähligen Knöpfe und Regler. Während meine Bandkollegen unser Equipment aus dem Auto luden, um es ins Studio zu schleppen, machte ich mich am Minimoog zu schaffen. Ich wusste gar nicht, wie man Keyboard spielt, geschweige denn wie man einen Synthesizer bedient, aber das war alles egal.


Kontaktaufnahme

Ich nutzte nur einen Finger. Mehr war nicht nötig. Als ich die Taste drückte, schlug mir ein unglaublicher Sound entgegen: knurrend, brüllend, unfassbar tief – gigantisch. Der ganze Raum wackelte. Ich dachte: Gütiger Himmel, das Teil ist ein Erdbeben in einer Kiste. Noch nie hatte ich einen Klang genauso gehört wie im ganzen Körper gespürt. Und all dieser Wahnsinn sollte das Ergebnis einer einzigen Fingerbewegung sein?

Ich vergaß meine Bandkollegen, die noch immer das Equipment ausluden. Irgendwann kamen sie zu mir und moserten: „Besten Dank für die Hilfe.“ Ich sagte: „Schön und gut, ich verstehe, aber hört auch das hier an. Das ist eine Revolution – der Synthesizer verändert alles. Wir werden nicht das Album aufnehmen, für das wir hergekommen sind.“

Minimoog: erster kompakter Synthesizer der Welt – und für Gary Numan ein Objekt absoluter kreativer Begierde (Foto: Canada Science and Technology Museum)

Ich musste nur noch herausfinden, wie man den Minimoog in unsere Songs integrieren konnte. Was keine leichte Aufgabe war. Von Anfang ging es für mich ums Sound-Design. Ich wollte Geräusche finden, aus denen sich irgendwie Musik machen ließ. Ein ganz anderer Ansatz als das, was ich zuvor als Gitarrist gemacht hatte. Da drehte es sich um Noten, hier um den Klang. Es war absolut beglückend. Da lag Neuland vor mir, von dem ich nie etwas geahnt hatte. Eine Offenbarung.


Verhandlungen

Als ich das Ergebnis der Studio-Sessions unserer Plattenfirma vorspielte, sorgte das beim Management nicht gerade für Begeisterung. Was soll ich sagen? Die Jungs waren sauer. Und das verständlicherweise, denn die Musik, die ich ablieferte, war absolut nicht das, wofür sie uns unter Vertrag genommen hatten – und hatte auch nichts mit dem zu tun, wofür sie meinten, ihr Geld ausgegeben zu haben. Mein Label bekam ein Synthesizer-Album statt eine Punkrock-Platte.

Es entbrannte ein Riesenstreit. Wir benahmen uns wirklich kindisch, irgendwann stand ich sogar auf und drohte den beiden Geschäftsführern mit der Faust.

Mein Argument lautete: Das hier ist bahnbrechend – nicht ich, sondern das Instrument. Ich konnte es nur wiederholen. Immer wieder. Durch den Synthesizer würde sich alles ändern. Wir kannten Kraftwerk, Brian Eno und so weiter, aber das war alles Avantgarde. Mir ging es um etwas anderes. Ich wollte konventionelle Rock- und elektronische Musik fusionieren. Mir war auch nicht daran gelegen – wie im Progressive-Rock – zu zeigen, mit was für einem tollen Musiker meine Fans es zu tun hatten. Ich hasste das. Mein Ziel bestand darin, neue Klänge zu entdecken.

Punk war im Grunde nur schlecht und schnell gespielte Rockmusik.

Gary Numan

Ich sagte meinem Label: „Ihr habt hier die Chance, Teil von etwas zu sein, das die Musikwelt verändern wird. Wenn ihr dieses Album veröffentlicht, setzt ihr ein Zeichen, das allen klarmacht, dass ihr ganz vorne dabei seid. Wollt ihr wirklich, dass ich aus der Platte jetzt wieder ein Punk-Album mache? Punk verreckt gerade.“

Sie willigten ein. Ich denke, nicht weil sie mir wirklich glaubten, sondern weil sie als Indie-Label einfach kein Geld mehr hatten, mich noch einmal ins Studio zu schicken.

Gary Numan

Zur Person: Gary Numan

Gary Numan war der erste Star des Synth-Pop. Vor diesem Briten galt elektronische Musik entweder als Avantgarde (Kraftwerk) oder musste im Prog-Rock als Schweineorgel-Ersatz herhalten (Emerson, Lake & Palmer). Erst nachdem Numan 1979 mit seinen Nummer-eins-Hits „Cars“ und „Are ‚Friends‘ Electric?“ die englischen Charts stürmte, gelang auch Synth-Pop-Pionieren wie Ultravox oder OMD der Aufstieg aus dem Underground.

Numans Einfluss lässt sich kaum zu groß bemessen. Die illustre Reihe an Künstlern, die sich im Laufe der Jahre auf ihn beriefen, reicht von Prince, den Nine Inch Nails und Jack White bis zu Kanye West, Mark Ronson und den Smashing Pumpkins.

(Foto: Chris Corner)


Durchbruch und Revolution

In zwölf Monaten veröffentlichte ich drei Alben. Schon auf dem zweiten hatte ich mit „Are ‚Friends‘ Electric“ meinen ersten Nummer-eins-Hit.

Wenn man mich heute fragt, warum der Synthesizer die Musiklandschaft total umgekrempelt hat, sage ich: „Weil die Klanggestaltung hier von Anfang an zentral war.“ Musik wurde vorher zu oft von Leuten gemacht, die bloß damit angeben wollte, was für tolle Virtuosen sie an ihrem Instrument waren. Es ging weder um Sound noch um Melodien, sondern darum, zu zeigen, wie geil man Gitarre spielte.

Dann kam Punk, was im Grunde nur schlecht und schnell gespielte Rockmusik war. Ein Haufen Teenager, die in die Welt brüllten, wie furchtbar sie alles fanden. Mehr steckte nicht dahinter. Obwohl: Über den Punkrock drückte die Jugend ihre Unzufriedenheit mit dem Status quo aus. In gewisser Weise transportierte elektronische Musik für mich dieselbe Message – tat aber noch viel mehr.

Wir wollten Veränderung. Nur dass wir ganz anders daran arbeiteten als die Punks. Wir waren Geeks, die erkannten, dass der Welt eine Revolution bevorstand.

Es gibt neben dem Synthesizer kein anderes Instrument, mit dem klanglich so viel möglich ist. Ein begabter Gitarrist kann sich an seinem Instrument enorm vielschichtig ausdrücken, aber nur innerhalb klar abgesteckter Grenzen. In der elektronischen Musik gibt es diese Grenzen nicht.


Feindschaft

Man hat lange behauptet, elektronische Musik sei kalt und eigne sich nicht, um echte Gefühle zu vermitteln. Früher mag das tatsächlich der Fall gewesen sein – vielleicht auch, weil viele von uns keine besonders guten Musiker waren. Aber die Technik wurde immer besser. In den Achtzigerjahren ließen Bands noch Sätze wie „No Synthesizers were used during the recording of this album“ auf ihre Plattencover drucken. Als wäre es eine Sünde, elektronische Musik zu machen. Es herrschte Feindseligkeit.

Die Musikergewerkschaft wollte mich rausschmeißen, weil ich angeblich echte Musiker um ihre Jobs brachte.

Gary Numan

Ich erinnere mich an einen Artikel aus der Zeitschrift „Sounds“, in dem es hieß, mein Album sei nichts wert, weil Maschinen die Songs darauf geschrieben hätten. Ich dachte: Ernsthaft? Hat dieser Journalist schon mal einen Minimoog gespielt? Glaubt er wirklich, dieses Instrument kreiert von sich aus auch nur eine Note?

Sogar die Musikergewerkschaft wollte mich rausschmeißen, weil ich angeblich echte Musiker um ihre Jobs brachte. Was für eine Beleidigung! Wäre ich aus der Gewerkschaft geflogen, hätte das meine Karriere beendet. Fernsehen und Radio wären dann für mich gestrichen gewesen.

Dabei hatte ich zu keinem Zeitpunkt vor, konventionelle Klänge nachzubilden. Ich war keine Gefahr für einen Trompeter oder Pianisten, denn darum ging es in der elektronischen Musik doch gar nicht.


Rehabilitierung

Zum Glück ist es mit dieser Ignoranz heute vorbei. Die Menschen haben erkannt, was für neue kreative Horizonte Synthesizer eröffnen. Welches andere Instrument ermöglicht es dir, nur eine Taste zu drücken und mit diesem Tastendruck eine unendliche Zahl von Gefühlen heraufzubeschwören? Klänge, die sich bewegen und atmen, die mal dunkel sind, dann wieder hell, die bitter und süß klingen, die schreien und flüstern, krächzen und singen?

Und jetzt stell dir vor, dass du diese technologische Errungenschaft mit einem Gespür für Melodien kombinierst. Was soll dich dann noch aufhalten?


Δ Gary Numan


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