Kennen Sie Ted Nelson?

In den Sechzigerjahren prägte Ted Nelson den Begriff Hypertext. Sein Konzept eines Internets mit Zweiwege-Links könnte der Welt ein sozialverträglicheres Netz bescheren.

Ted Nelson sagt, er sei ein furchtbarer Programmierer. Das kleinteilige Arbeiten mit Symbolen ging dem ADHS-geplagten IT-Visionär nie leicht von der Hand. Nelson ist ein Mann der großen Gedanken, die unendlich weite Bögen beschreiben, nicht der Details im Code. Das Konzept eines Hypertextes, wie er es Anfang der Sechzigerjahre entwickelte, gehört zu jener Art fundamentaler Überlegungen, die dem 83-jährigen liegen – und ist eine der besten Ideen des 20. Jahrhunderts.

Trotzdem kennen Nelson fast nur Eingeweihte. Seine Bücher erscheinen noch immer im Selbstverlag, die Dotcom-Millionen blieben aus. Seit 60 Jahren träumt er „den radikalsten Computer-Traum der Hacker-Ära“, wie es die Zeitschrift Wired nannte.

Hätte Nelson es je in die Position eines Steve Jobs gebracht, die Welt wäre wohl eine andere. Jahrzehnte bevor das World Wide Web eingeführt wurde, arbeitete er an seiner eigenen Version des Internets. Für Jaron Lanier, einen anderen Vordenker der Digitalkultur und Bewunderer Nelsons, steht fest: Soziale Medien, wie sie mittlerweile den Zusammenhalt und die geistige Gesundheit unserer Gesellschaften gefährden, hätte es in diesem Netzwerk nicht gegeben.


Hypertext-Pionier

Angeregt durch Vannevar Bushs Essay „As We May Think“ („Wie wir denken könnten“), das einen fiktiven PC vorstellte, prägte Nelson 1965 den Begriff Hypertext. Entgegen der damals vorherrschenden Meinung ging er davon aus, dass die neuen Rechenmaschinen nicht nur für das Militär oder große Unternehmen Nutzen abwerfen konnten, sondern zum Beispiel auch das Wirken von Filmemachern, Musikern, Fotografen, Autoren und vielen anderen Kreativen umkrempeln würden.

Schon als Teenager – bevor Computer überhaupt via Bildschirm bedienbar waren – soll ihm die Universalität der digitalen Revolution bewusst gewesen sein. Hypertexte, glaubte er, würden bald das Medium Papier ersetzen.

Google, Facebook und Instagram hätten in Nelsons Internet kein Geschäftsmodell.

Nelson schwebte ein Netz aus digitalen Texten und anderen Dateien vor, durch das der Nutzer sich je nach Belieben über Links frei bewegen konnte und in dem es keine Notwendigkeit geben würde, etwas zu kopieren und einzufügen („Copy & Paste“). Denn anders als bislang, wären alle Inhalte über Verknüpfungen jederzeit einbindbar.

Wörter und Sätze erschienen in Nelsons Hypertext als ein vernetztes, dynamisches System, das die Hierarchie herkömmlicher, statischer Publikationen sprengte. Es sollte so der Linearität, wie sie das Medium Papier voraussetzt, ein Ende bereiten. Nicht mehr in einer vorgegebenen Reihenfolge, Satz auf Satz und Seite auf Seite, waren Inhalte hier zu erschließen, sondern im freien Spiel der Interessen des Lesers.

Ein ähnliches System nutzt heute jeder Mensch, der im Internet surft. In der sogenannten Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language), die für Webbrowser genutzt wird, lebt Nelsons Ansatz weiter. Per Link klickt man sich – etwa innerhalb von Wikipedia – problemlos von einem Thema zum nächsten. Für Nelson ist das World Wide Web allerdings nicht mehr als ein fauler Kompromiss, der die meisten Mankos des alten analogen Mediums Papier in ein digitales überführt hat.

Wo stünden wir, wenn das Silicon Valley Nelsons Ideen gefolgt wäre? Lanier geht davon aus, dass Plattformen wie Google, Facebook und Instagram dann kein Geschäftsmodell hätten.


Mehr- statt Einweg

Anders als im derzeitigen Internet-Standard, dem World Wide Web, waren in Nelsons Hypertext-Netzwerk keine Einweg-Links vorgesehen. Wenn heute im Internet auf Inhalte verwiesen wird, erhält der Nutzer, der diese Inhalte bereitgestellt hat, darüber nicht automatisch einen Hinweis. Die Links des World Wide Webs verweisen eben in der Regel nur in eine Richtung: Vom Link-Setzer zum Inhalt.

Unsere Aufmerksamkeit ist die Ware, durch deren Verkauf die Internet-Konzerne einige der größten Privatvermögen der Geschichte erwirtschaftet haben.

Nelson wollte dagegen Zweiweg-Hyperlinks. Viele Jahrzehnte arbeitete er an Xanadu, einer Software, die solche Möglichkeiten verhieß. Immer dann, wenn in Xanadu aus einem Werk zitiert wird, setzt diese Software in dem zitierenden Werk eine Referenz zur Quelle – einen sogenannten Backlink. In anderen Worten: Nutzt in Nelsons Netz jemand einen Abschnitt aus einem Text (oder Musikstück, Bild und so weiter), ist sowohl für alle, die dieses Zitat lesen, wie auch für den Urheber die Verbindung zwischen beiden Veröffentlichungen nachvollziehbar.

Weil solche Verknüpfungen im World Wide Web aber nicht selbstverständlich sind, leben wir heute mit einer Streuung von Herkunftsdaten, die durch private Unternehmen aufwendig wieder eingehegt werden müssen.

Laut Lanier ist das kein trivialer Umstand: „Wenn es Zweiwege-Links gäbe und immer klar wäre, von woher auf einen verwiesen wird, dann bestünde alles, was man tun müsste, bloß darin, diese Verbindungen zu zählen. Die Informationen wären öffentlich. Weil Teds Idee aber entsorgt wurde, muss Google jede Nacht das gesamte Web durchkämmen und Backlinks berechnen, um den Leuten – in diesem Fall Anzeigenkunden – die Resultate als Dienstleistung zu verkaufen.“

Auch Facebook hält Lanier für eine Plattform, die in Nelsons Hypertext-Netz obsolet wäre: „Wenn wir als Internet-Nutzer auf Zweiwege-Links zurückgreifen könnten, wüssten wir, wer sich für die Dinge, die wir tun, interessiert. Wir würden diese Menschen dann ohnehin kennen lernen.“ Da aber im World Wide Web alles anonymisiert ist, brauche es riesige Unternehmen wie Facebook, um innerhalb eines firmeneigenen Netzwerks die entscheidenden Backlinks zu berechnen. „Das zentrale Problem besteht darin, dass man die Herkunft der Daten außer Acht gelassen hat.“

Ted Nelson in Werner Herzogs Dokumentarfilm „Lo and Behold“


Gefährliches Ideal: Anonymität plus Gratiskultur

Das Weltbild der frühen Digitalkultur wurde von dem Gedanken geleitet, dass Informationen im Netz unbedingt anonym abrufbar und gratis sein müssten. Wie zu erwarten war, traten dennoch Unternehmer auf den Plan, um das Internet finanziell abzuschöpfen. Sie stammten oft aus der gleichen, vom Geist der 68er inspirierten Gegenkultur, die sich in der IT-Welt unter dem Slogan „Information wants to be free“ versammelte.

Die Manager der neuen Hightech-Industrie standen, wollten sie ihren Idealen irgendwie treu bleiben, nicht nur vor der Aufgabe, Daten im Netz zu bündeln und die Anonymisierung dieser Daten auf freiwilliger Basis ihrer Nutzer rückgängig zu machen. Sie suchten außerdem nach einem Geschäftsmodell, das die Menschen glauben ließ, sie müssten für die neuen digitalen Dienste nichts ausgeben.

Und so zahlen wir die Zeche heute nicht in Euro, Dollar oder Pfund, sondern in Sekunden, Minuten und Stunden. Unsere Aufmerksamkeit ist die Ware, durch deren Verkauf die Internet-Konzerne einige der größten Privatvermögen der Geschichte erwirtschaftet haben.


Unfairer Deal

Das Problem: Es bleibt im Grunde nur digitalen Totalverweigerern möglich, nicht zum Opfer der Aufmerksamkeitsdiebe zu werden. Im Voraussagen und Steuern unseres Verhaltens haben Firmen wie Google und Facebook mittlerweile eine Macht erreicht, gegen die als Nutzer nicht anzukommen ist, denn die Algorithmen der sozialen Medien zielen direkt auf psychologische Schwachstellen in uns, die evolutionär bedingt sind.

Gegen den wohligen Dopamin-Kick der hereinrauschenden Likes und Retweets ist kein Gras gewachsen, solange dabei suchtfördernde Mittel zum Einsatz kommen, die man sich unter anderem bei Spielautomaten-Herstellern abgeschaut hat. Vielleicht noch schwerwiegender: Es steuern Akteure unser Verhalten, die auf Supercomputer in der Größe von Kleinstädten zurückgreifen können. Ob wir das Handy zücken und WhatsApp checken, doch noch auf Instagram eine Minute länger herunterscrollen oder das nächste Video auf YouTube angucken, folgt angesichts dieser Übermacht an Rechenleistung nicht mehr aus einer fairen Beziehung zwischen Anbieter und Anwender.

Künstliche Intelligenz (KI) ist heute in der Lage, unsere politische Gesinnung mit einer Genauigkeit von 80 Prozent zu erkennen. Sie kann uns sagen, ob wir homosexuell sind, bevor wir es selbst wissen und errät anhand von tonlosen, dreiminütigen Videoaufnahmen mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, ob ein Paar zusammenbleibt oder nicht.

Von Mikrotransaktionen würden nicht nur jene profitieren, die im Netz besonders kreative oder erfolgreiche Inhalte schaffen.

Lanier und andere Kritiker wie etwa Tristan Harris, Gründer des Centers for Humane Technology, meinen: Eine Gesellschaft, die über solche technischen Mittel verfügt, kann sich als mächtigste Industrie keine Konzerne leisten, deren Ziel darin besteht, das Verhalten von Menschen zu manipulieren, um Gewinn einzustreichen.

Auch hier könnte, davon ist zumindest Lanier überzeugt, ein Hypertext-Feature Abhilfe schaffen, an dem Nelson arbeitete.


Micropayment

Ein Ziel des Xanadu-Projekts bestand darin, Möglichkeiten für ein neues Urheberrecht zu schaffen. Tatsächlich wäre es durch automatisch gesetzte Zweiwege-Links machbar, ein Netzwerk zu etablieren, das den Urheber eines Zitats über ein universelles Mikrobezahlsystem entlohnt.

Heute kommen wir für die Dienste der sozialen Medien mit unserer Aufmerksamkeit auf, die selbige wiederum an Anzeigenkunden verkaufen, ohne uns dafür finanziell zu entschädigen. Ein Mikrobezahlsystem, wie es Nelson im Sinn hatte, könnte dafür sorgen, dass wir deutlich weniger Anreize hätten, uns auf solche unfairen Deals einzulassen. Und es böte durch Zwei-Wege-Links eine Infrastruktur, um wirklich jeden Datenurheber zu vergüten.

Durch Mikrotransaktionen würden nicht nur jene profitieren, die im Netz besonders kreative oder erfolgreiche Inhalte schaffen. Unternehmen wie Google und Facebook nutzen die Arbeit von Übersetzern, Fotografen, Musikern, Journalisten, aber eben auch die schnöden alltäglichen Informationen aller anderen Nutzer als Futter für ihre KI-Systeme. Dazu gehören zum Beispiel Autorouten, Restaurantbesuche oder unser Klickverhalten in den sozialen Medien. All dies wird verwertet, ohne dass dafür ein Cent an die Daten-Produzenten, also die Nutzer der Dienste, fließt. In Nelsons Netz wäre dagegen für jeden Datensatz, der abgegriffen wird, ein Mikrobetrag fällig.


Ein anderes Netz ist möglich

Nelson arbeitete rund sechs Jahrzehnte an seinem Hypertext-Projekt, doch Xanadu wartet nach wie vor darauf, veröffentlicht zu werden. Zwar gehören IT-Größen wie Apple-Mitgründer Steve Wozniak oder Turing-Award-Preisträger Alan Kay zu Nelsons Fans und sein 1974 erschienener Text „Computer Lib“ gilt unter Hackern und Digital-Utopisten als Kultbuch – eine Randnotiz in der Informatik-Geschichte blieb Nelson dennoch.

Lanier glaubt nicht, dass die Menschheit mit einem Netz, wie es derzeit strukturiert ist, überleben kann.

„Gegnerische Computertraditionen, Kulturkämpfe und Flügelkämpfe“, hätten Xanadu verhindert, sagt er. Wahrscheinlich lag es eher an dem Umstand, dass eine Einweg-Link-Architektur wie das World Wide Web, weil sie technisch viel anspruchsloser ist, bessere Chancen hatte, sich rasant zu verbreiten.

Doch ob rasant oder nicht, unumkehrbar ist diese Entwicklung keineswegs. Wir könnten einen neuen Internet-Standard schaffen. Lanier glaubt nicht, dass die Menschheit mit einem Netz, wie es derzeit strukturiert ist, überleben kann. Zu sehr polarisiert diese Technologie unsere Gesellschaften, zu sehr schadet sie unserer geistigen Gesundheit. Längst ist er nicht mehr der einzige mit diesen Bedenken. Selbst frühere Schlüsselfiguren der Social-Media-Giganten kritisieren viele Praktiken, deren Entwicklung sie selbst vorantrieben, mittlerweile scharf und verbieten ihren Kindern, solche Plattformen zu nutzen.

Lanier spricht sich dafür aus, dass wir unsere Social-Media-Konten sofort löschen. Soweit werden die wenigsten gehen. Keine Frage aber ist: Wir brauchen neue, anders gestaltete Technologien, die uns nicht zu ferngesteuerten Datenlieferanten degradieren.

Eine Welt, in der wir einen viel größeren Nutzen aus dem Internet ziehen, ist möglich. Auf dem Weg dorthin könnte es helfen, Ted Nelson zu kennen.


Δ Florian Friedman

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