Zeit und Zeugs

Wie soll man sich gegen die tägliche Flut von zeitraubenden Anfragen, Mitteilungen und anderen Behelligungen wehren? Unsere Autorin hat einige Lösungen ausprobiert.

Seit einer Stunde lösche ich E-Mails. Was als Prokrastinationsakt begann, wird zum Rausch. Noch mehr als 1.500 Stück im Erledigt-Ordner. Und das ist nur eine von sieben E-Mail-Adressen. Ich bin kurz davor, den kompletten Erledigt-Ordner ohne vorherige Prüfung zu eliminieren. Das kann doch weg, was erledigt ist, kann doch weg. Aber ist es erledigt?

Immer scheint mit dem Löschen die Gefahr verbunden zu sein, dass eine wichtige Information verloren geht, eine gute Erinnerung, ein feine Zeile. Immer das Gefühl: „Das könnte man nochmal brauchen.“ Wie ein Messie halte ich an alten E-Mails fest. Ich bin verheddert in Zeugs. In Dingen, virtuell oder materiell, die mir meine Lebenszeit stehlen. Digitales Zeugs überschwemmt mich bei Instagram, Facebook und Twitter, und ich stehe da mit offenen Armen, lasse mich mitreißen, bis ich irgendwann wie Treibgut ans Ende des Tages gespült werde.

Im Lockdown gab es keine sozialen Pflichtveranstaltungen und immer eine Entschuldigung.

Zu all dem Social-Media-Kram kommen Retouren vom Onlineshopping, Bewertungsanfragen, Umfrageanrufe und Nachrichten in WhatsApp-Gruppen – „Huhu, freut ihr euch auch schon so auf das Klassentreffen?“ Ähm, nope, ich freue mich nicht, denn dann ist wieder ein Wochenende im Eimer, weil ich mir am Samstag die alten Klassenkameraden interessant saufen und am Sonntag nicht aus dem Bett kommen werde.

Im Lockdown war das leichter, da gab es keine sozialen Pflichtveranstaltungen und immer eine Entschuldigung. Vielleicht tue ich einfach so, als ob ich jetzt Angst vor Menschen habe. Das sollte als Ausrede immer funktionieren. Vor allem bei Besuch, der sich ankündigt. Ich wäre manchmal gern asozial.

Ich hasse Partys, zu denen ich gehen muss, weil ich immer auf Partys gehe, bei denen ich mich so sehr langweile, dass ich versuche, möglichst schnell betrunken zu sein. Inzwischen nehme ich selbst vor Familienbesuchen eine Tablette für den Magen. Dabei bin ich gern mit Menschen zusammen. Meine Ansprüche – gutes Gespräch, neue Denkansätze, heftige Diskussionen – sind jedoch zu groß für die Stadt, in der ich lebe. Solche Menschen gibt es hier nicht. Oder sie verstecken sich vor mir. Also greife ich zusammen mit einer Flasche Gin auf die Leute zurück, die eben da sind: Nachbarn und andere Eltern.

Meine Ansprüche – gutes Gespräch, neue Denkansätze, heftige Diskussionen – sind zu groß für die Stadt, in der ich lebe.

Doch neben Menschen gibt es noch mehr Zeugs, das meine Zeit verschwendet – die materiellen Dinge. Mein Mann kauft gern Sachen, die im Angebot sind, schleppt Dinge ins Haus, die ich vielleicht mal irgendwann, aber nicht jetzt benötigen werde. Doch wegwerfen geht nicht, kann man ja vielleicht nochmal gebrauchen. Okay, lege ich die Topflappen in Handschuhform (wie heißen solche Dinger?) eben in meinen Erledigt-Ordner. Da ist gerade ein bisschen Platz frei geworden. Da kann auch das ganze Zeug rein, das die Kinder zum Geburtstag bekommen haben.

Überhaupt Geschenke: Ich hasse Geschenke, denn immer muss ich mich zu ihnen verhalten, muss Danke sagen, muss sie irgendwohin stellen und wieder rausholen, wenn der Schenker zu Besuch kommt – weil er nicht weiß, dass ich jetzt Angst vor Menschen habe.

Am liebsten schenkt man mir Bücher, weil ich so viel lese, weil ich so viele zu Hause habe. Richtig, habe ich, auf meinem Tisch, zu Türmen gebaut, weil ich so vieles lesen will, es aber nicht schaffe. Mir fehlt die Zeit, denn ich bin ständig mit Zeugs beschäftigt. Macht aber nix, schenkt mir ruhig noch ein Buch von einer ganz tollen Frau, die ihren Weg gegangen ist, oder eines über den guten Umgang mit der eigenen Zeit oder den dicken Wälzer über Minimalismus.

Schenkt mir ruhig noch ein Buch von einer ganz tollen Frau, die ihren Weg gegangen ist.

Wirklich, ich hasse Geschenke, es sei denn, ich kann sie verbrauchen wie Geld, Champagner, Zigaretten oder selbstgemachte Marmelade. Dieses Zeug heiße ich willkommen, es sei denn, es ist Quittengelee. Das kommt gleich in den Erledigt-Ordner.

Ich muss Schluss machen, weiter Mails löschen, habe noch sechs Postfächer vor mir. Ich habe keine Zeit, diesen Text zu schreiben, der im Grunde auch nur Zeugs ist, in dem ich mich über Zeugs aufrege.

PS: Dieser Text lag eine Weile herum, der Redakteur wollte, dass ich etwas ergänze (noch mehr Buchstaben in der Welt) und fragte, was die Lösung für mein Problem mit dem Zeugs ist. Früher habe ich in solchen Phasen, wenn mein Arbeitszimmer und mein PC-Desktop völlig überladen nach meiner Aufmerksamkeit riefen, wenn mein Schwiegervater „nur mal so“ vor der Tür stand oder ich keine Lust mehr auf meine Arbeit hatte, ein Buch gekauft oder neue Jobs, die mir mehr Spaß machten, begonnen. Mit dem Ergebnis: noch mehr Zeugs.

Jetzt ist mir etwas klar geworden: Ich habe keinen Platz für Neues, bevor ich nicht etwas Altes entsorgt habe. Ich muss Platz machen. Aus diesem Grund heißt meine Lösung: Rückbau.

Ich muss mich von Aufgaben, Dingen und Menschen trennen. Das mache ich wie die Aufräum-Königin Marie Kondo. Ich schaue mir die Dinge an, betaste sie (ja, auch die Menschen) und entscheide, ob es sich gut anfühlt. Alles, was nicht gut ist, kommt weg. Und das, was an leidigen Pflichten bleibt – Steuererklärung, Weihnachtsgeschenke und der Besuch bei Oma – handhabe ich so wie Joseph Beuys Kartoffeln schälte: mit Liebe.


Δ Mika Bell

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