Erinnerungen eines Gedankenverbrechers

Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, das Gedanken mit dem Tod bestraft? Der iranische Atheist Armin Navabi erinnert sich.

Mit zwölf Jahren steht Armin Navabi im Obergeschoss seiner Teheraner Schule und schaut aus dem offenen Fenster. Wenn sein Körper auf dem Beton zerschellt, kommt er ins Paradies, glaubt er. Navabi möchte den sichersten Weg einschlagen, um der Hölle zu entrinnen. Er springt.

Er überlebt schwerverletzt. Heute, fast 25 Jahre später, glaubt Navabi weder ans Paradies noch an Gott. Im Gegenteil: Er gehört zu den vehementesten und – dank Internet – lautstärksten iranischen Atheisten. Die von ihm gegründete Website Atheist Republic zählt fünf Millionen Besuche pro Woche und beherbergt eine der größten atheistischen Communities im Netz.

Eine einfache Überlegung

Als Zwölfjähriger glaubte Navabi, eine Lücke im göttlichen Gesetz gefunden zu haben. Zwar gilt Selbstmord auch im Islam als Sünde, doch nach der gängigen Auslegung des Korans können nur mündige Menschen Sünden begehen. Erst mit 15 Jahren, so hatten seine Lehrer es ihm erklärt, seien Jungen vor Gott für ihre Gedanken und Taten verantwortlich. „Mädchen ab neun Jahren“, fügt Navabi an und lacht.

Als er zwölf war, zählte er zwei und zwei zusammen: Sein Leben würde ihm unzählige Möglichkeiten bieten, Sünden zu begehen, die das ewige Höllenfeuer nach sich zögen. Brächte er sich aber vor seinem 15. Lebensjahr um, käme er mit absoluter Sicherheit in den Himmel. Seinen 15. Geburtstag abzuwarten, erschien ihm wie „das wahnsinnigste Glücksspiel überhaupt“.

Bevor er sprang, hatte Navabi sich ein brennendes Streichholz an die Hand gehalten. Ein Vorgeschmack auf die Höllenqualen, denen es zu entrinnen galt. Er zwang sich dazu, immer länger durchzuhalten, stellte sich vor, der Schmerz würde fünf Minuten dauern, dann ein Jahr, 10.000 Jahre und schließlich ewig.

Sein Sprung aus dem dritten Stock brach ihm den Rücken, beide Beine und die linke Hand. Navabi blieb sieben Monate auf einen Rollstuhl angewiesen. Er belog seine Eltern und behauptete, er sei aus Versehen aus dem Fenster gefallen. „Ich wusste nicht, dass mein Vater weinen konnte“, erinnert er sich an die Krankenhausbesuche seiner Familie. Obwohl Navabi ihnen gesagt hatte, dass er aus dem Fenster gefallen und nicht gesprungen war, vermuteten seine Eltern, blind gegenüber psychischen Problemen ihres Sohns gewesen zu sein.

Armin Navabi: „Wenn ich zurück in den Iran gehen würde, käme ich an den Galgen.“ (Quelle: Creative Commons)

Radikale Jahre

Um seinen Eltern weiteres Leid zu ersparen, aber trotzdem der Hölle zu entgehen, wollte Navabi von nun an so gottesfürchtig wie möglich leben.

„Jahre später fragte ich meine Freunde, warum sie sich Muslime nannten, aber vorehelichen Sex hatten. Sie sagten: »Ich denke nicht, dass es den Schöpfer des Universums kümmert, was ich im Bett mache.«“ Navabi entgegnete: „Habt ihr mal sein Buch gelesen?“

Wer zurück in den Garten Eden wollte, das schien ihm damals unbestreitbar, musste die Regeln, die dorthin führten, kennen und befolgen. Er verpasste von nun an keines der vorgeschriebenen fünf täglichen Gebete und wendete seinen Blick ab, wenn er Frauen sah.

Viele Menschen in seinem Umfeld nahmen zwar ernst, was ihnen ihre Imame erzählten, hatten den Koran aber nie selbst gelesen. „Ich dachte: Verdammt nochmal, der Schöpfer des Universums hat dir etwas zu sagen, und du liest lieber Harry Potter?“

Apostasie und Tyrannei

Apostasie, der Abfall vom Glauben, kann in Navabis Heimat mit dem Tod bestraft werden. Der 36-jährige lebt mittlerweile in Kanada. „Wenn ich zurück in den Iran gehen würde, käme ich an den Galgen“, sagt er.

Navabi weiß: Hinter der Gesetzgebung von Gottesstaaten steckt mehr als eine drakonische Auslegung moralischer Gebote. Theokratien verengen die Gesellschaft auf eine Weise, wie es nur totalitäre Systeme vermögen. Wo Apostasie strafbar ist, können schon Gedanken schuldig machen. Das Jüngste Gericht verschiebt sich ins Diesseits: Es bedarf keiner Handlungen mehr, um geistige Sünden zu begehen und dafür weltlich belangt zu werden.

Eine orwellsche Schreckensvision, die nicht allein im Iran Realität ist. Apostaten und Atheisten droht in zwölf weiteren islamisch geprägten Staaten die Todesstrafe. Nicht nur in Failed States wie dem Sudan, Afghanistan oder dem Jemen, sondern auch in beliebten Urlaubszielen wie Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) oder auf den Malediven.

2014 machte im Iran der Fall Mohsen Amir-Aslani Schlagzeilen. Der iranische Psychotherapeut hatte Zweifel an der biblischen Erzählung über Jona geäußert, der auch im Islam als Prophet gilt und angeblich drei Tage im Bauch eines Wales überlebt haben soll. Amir-Aslani interpretierte Jonas Abenteuer symbolisch und wurde dafür von der iranischen Regierung als Ketzer gehängt.

Offiziellen Zahlen zufolge hat der Iran im vergangenen Jahr 251 Personen hingerichtet. Nur China exekutiert mehr Menschen. Neben Apostasie zählen auch Homosexualität, Ehebruch und Alkoholgenuss zu Vergehen, die der Iran mit dem Tode bestraft.

Zwar werden Atheisten nur selten hingerichtet. Da das iranische Gesetz aber auf der Scharia basiert, verfügen die religiösen Behörden des Landes über die weitreichendsten Kompetenzen. Das drückt sich in einer Gesetzgebung aus, die gegen Ungläubige diskriminiert. Atheisten ist es nicht gestattet, für den Staat zu arbeiten, sie dürfen nicht an einer Universität studieren und sind vom Recht auf Sozialhilfe ausgeschlossen.

Vom Zweifel zur Gewissheit

„Meine Zweifel am Islam machten mir Angst“, sagt Navabi. „Schon deshalb, weil ich dachte, dass Gott meine Gedanken lesen konnte.“ Wirklich skeptisch wurde er, als ihm ein Buch über Religionsgeschichte in die Hände fiel. „Da spielte ich zum ersten Mal mit dem Gedanken, dass der Islam eine menschengemachte Ideologie sein könnte. Alles, woran die Anhänger der verschiedenen Religionen im Laufe der Geschichte geglaubt hatten, kam ihnen seltsamerweise sehr gelegen. Es hatte immer etwas mit Dingen zu tun, die sie sich wünschten.“

Mit 16 wurde aus Navabis Zweifeln Gewissheit. In seiner Schule stand das Thema Evolution auf dem Lehrplan und er fragte seine Lehrer, welche Aufgabe Gott noch zukäme, wenn die Natur selbst dafür Sorge trage, dass sich Arten bilden. Navabi mutmaßte, dass Gott vielleicht notwendig gewesen sei, um die erste Zelle zu formen, aus der sich die erste Art entwickeln konnte. Seine Lehrer erzählten ihm vom sogenannten Miller-Urey-Experiment: Den US-amerikanischen Chemikern Stanley Miller und Harold C. Urey war es 1953 gelungen, nachzuweisen, dass durch Zufuhr von Energie – etwa durch Blitze – aus simplen anorganischen Verbindungen so komplexe organische Verbindungen entstehen können, wie sie heute in den Zellen von Lebewesen vorkommen.

Navabi sah sich im Klassenzimmer um. Er suchte nach schockierten Gesichtern, doch niemanden schien die Erkenntnis zu erschüttern, dass es Gott offenbar nicht brauchte, damit sich Leben und so letztlich auch der Mensch entwickeln konnte.

„Ich kannte keine anderen Atheisten“, sagt Navabi heute. „Also gab es für mich nur drei Möglichkeiten: Ich bin verrückt, alle anderen sind verrückt oder jeder, den ich kenne, ist einer Lüge aufgesessen, die ich soeben entlarvt habe.“

Ordnen Sie folgende Bilder richtig zu: Navabis Mutter vor und nach der Revolution (Quelle: privat)

Weiße Revolution

Dafür, dass Navabi in seinem Umfeld niemanden kannte, der nicht an Gott glaubte, hatten Jahrzehnte islamistische Herrschaft gesorgt. Vor dem Sturz des Schahs Mohammad Reza Pahlavi 1979 hätten sich vermutlich mehr Menschen getraut, Navabi gegenüber ihre Zweifel zu äußern.

In Pahlavis sogenannter „Weißer Revolution“ wurde das Land einem umfassenden Modernisierungsprogramm unterzogen und etwa das Frauenwahlrecht eingeführt. Schon Pahlavis Vater, Reza Khan, hatte 1936 auch Mädchen für schulpflichtig erklärt und den Tschador verboten. Ausgerichtet am Vorbild der Türkischen Republik von Mustafa Kemal, besser bekannt als Atatürk, schien der Iran – wie viele andere islamisch geprägten Länder zu dieser Zeit – auf dem Weg in eine säkulare Zukunft.

Doch als iranische Frauen in den Sechzigerjahren bereits im Bikini ins Kaspische Meer sprangen, formierte sich Widerstand gegen die Modernisierung – und gegen den Schah, der foltern und morden ließ, mit seinem Reichtum protzte und als höchst korrupt galt. Sein berüchtigter Geheimdienst SAVAK bespitzelte Zehntausende.  

Pahlavis Strategie gegen die Aufrührer bestand unter anderem darin, das Tschador-Verbot seines Vaters aufzuheben und weitere Konzessionen an den erstarkenden Klerus zu machen. Der SAVAK verfolgte vor allem die Führungsriege der iranischen Linken, die Geistlichkeit ließ man größtenteils gewähren.

Pahlavis Polizeistaat schien blind für die Tatsache, dass ein bedeutender Teil der Kommunisten und Sozialisten des Landes längst Gefallen an manchem fand, wofür die Mullahs standen. Nicht wenige linke Intellektuelle, die sich eigentlich als säkular verstanden, sahen ihre politische Chance darin, den Islam gegen die Verwestlichung des Landes in Stellung zu bringen.

Vom Westen vergiftet

Geistige Munition lieferte solchen linken Intellektuellen 1962 der Schriftsteller und ehemalige Marxist Dschalal Al-e Ahmad mit seinem Pamphlet Gharbzadegi (grob übersetzt: „Vom Westen vergiftet“), das zum Kultbuch für Generationen iranischer Intellektueller wurde. In Gharbzadegi behauptete Al-e Ahmad, die Iraner seien sich selbst fremd geworden, könnten weder als aufrichtige Perser noch als echte Abendländler gelten. Seine Landsleute, schrieb er, würden einer Krähe gleichen, die versucht, den Gang eines Rebhuhns zu imitieren, ohne aber jemals die Möglichkeit zu haben, sich wirklich in ein Rebhuhn zu verwandeln.

Als Gegengift verschrieb Al-e Ahmad – selbst ein eher leidlicher, dem Wodka zugetaner Muslim – den Islam. Dabei sah er sich in einer Tradition mit den Juden Israels, denen es gelungen sei, aus ihrer Religion jene Kraft zu schöpfen, die es brauche, um als Volk dem Westen standzuhalten.

Al-e Ahmad war nicht nur einer der bedeutendsten iranischen Intellektuellen der Sechzigerjahre, er sollte auch der einzige zeitgenössische Schriftsteller bleiben, den Ruhollah Chomeini jemals öffentlich guthieß. Sein Gesicht ziert heute iranische Briefmarken.

Navabi erkennt die klare Spaltung zwischen westlicher und islamischer Welt, wie sie Al-e Ahmad beklagte, nicht an. „Wir verteidigen keine westlichen Werte, sondern die Ideen der Aufklärung“, sagt er. „Es waren auch westliche Werte, aus denen Nationalsozialismus und Kommunismus hervorgegangen sind.“ Ganz zu schweigen von der unrühmlichen religiösen Vergangenheit Europas, in der das Leben ungezählter Apostaten über viele Jahrhunderte auf dem Scheiterhaufen endete.

Navabi möchte für jene Art von Ideen stehen, die den Fortschritt der westlichen Welt begünstigt haben, nicht für den Westen per se. Eben weil dieser, das weiß Navabi, vieles zu verantworten hat, was den Gedanken der Aufklärung entgegensteht. Gezeigt hat sich dies auch im befremdlichen europäischen Umgang mit der iranischen Revolution.

Liebling des islamistischen Regimes: Der Schriftsteller Dschalal Al-e Ahmad auf einer iranischen Briefmarke (Quelle: Wikimedia Commons)

Der Gottesstaat und seine Apologeten

Eine ganze Reihe westlicher Intellektueller zeigte sich angesichts der iranischen Revolution von ihrer tyrannophilen Seite. Als Chomeini 1978 bereits daran arbeitete, einen Gottesstaat zu errichten, schwärmte der französische Philosoph Michel Foucault von der „spirituellen Dimension“ der islamistischen Revolte und der „Kraft des mythischen Stroms“, die zwischen dem Ajatollah und seinen Anhängern bestehe. Foucault behauptete, unter Chomeinis künftiger Regierung würden „Minderheiten geschützt“ und zwischen Männern und Frauen „bestünde rechtlich keine Ungleichheit“. In einem Interview monierte er gar, dass der iranischen Revolution nicht mit der gleichen „unproblematischen Sympathie“ begegnet werde wie im Fall von Nicaragua.

Mehr Hellsicht bewies der französische Historiker Maxime Rodinson. Er hielt Foucault und anderen Intellektuellen, die Chomeinis Revolution verklärten, entgegen: „Sollte es eine Rückkehr zur Tradition geben, wie es die Männer der Religion wollen, dann wird es nötig werden, den Weintrinker auszupeitschen und den Ehebrecher zu steinigen. … Nichts wird einfacher oder gefährlicher sein als diese altehrwürdige Anklage: Mein Gegner ist ein Feind Gottes.“

Rodinson behielt Recht. Bereits in den ersten Monaten nach der iranischen Revolution wurden mehr als 600 Menschen hingerichtet. Bis 1982 wuchs die Zahl auf 4.000. Zu einer zweiten Hinrichtungswelle kam es 1988. Das islamistische Regime tötete damals innerhalb weniger Monate 5.000 politische Gefangene. „Bist du eine gläubige Muslimin?“ sollen inhaftierte Vertreterinnen der Linken gefragt worden sein, erinnert sich die Autorin Monireh Baradaran. Wer verneinte, wurde exekutiert.

Die Revolution frisst ihre Kinder: Hinrichtung von Regime-Gegnern 1979 im iranischen Sanandaj (Quelle: Jahangir Razmi/Wikimedia Commons)

Das Schweigen brechen

Navabi begegnete der tödlichen Macht des Gottesstaats, als er seinen Glauben bereits verloren hatte. In Teheran griff ihn die Religionspolizei mit einer Frau, die nicht mit ihm verwandt war, im selben Auto auf – im Iran eine strafbare Handlung. Navabi wurde festgenommen und auf die nächste Polizeiwache gebracht, wo man ihn über seine religiösen Pflichten aufklärte.

„Wissen Sie was?“ sagte Navabi dem Beamten, der ihn festgenommen hatte. „Alles, was sie mir hier erklären, gilt für mich nicht mehr, weil ich kein Muslim mehr bin.“ Das Gesicht des Polizisten verhärtete sich. „Nachdem, was du mir gerade gesagt hast“, erwiderte er, „könnte ich mit dem Stift, den ich hier in der Hand halte, dein Leben vernichten. Sei nie wieder so dumm, so etwas jemandem zu erzählen.“

Heute denkt Navabi noch oft an diesen Polizisten, der zwar für eine Weltanschauung stand, die ihm zuwider war, im entscheidenden Moment aber Menschlichkeit bewies und ihn nicht weiter belangte.

„Ich kämpfe gegen Religionen“, sagt Navabi. „Das bedeutet: Ich kämpfe gegen Vorstellungen, nicht gegen Menschen. Es geht mir nicht darum, Hass gegen Gläubige zu schüren. Ich möchte nur die Möglichkeit besitzen, sagen zu können, dass sie Unrecht haben. Es ist kein guter Grund, jemanden zu hassen, weil er falsch liegt. Jeder Mensch hegt irgendwelche Überzeugungen, die nicht stimmen.“

Ob wahr oder falsch: Wichtig ist vor allem, sagt Navabi, seine Überzeugungen äußern zu können. Der größte Verbündete des Fundamentalismus sei das Schweigen.

1824 schrieb der britische Diplomat James Morier über die heilige persische Stadt Ghom, in der Chomeini später lehrte und regierte: „Dieses Ghom ist ein Ort, wo – Gegenstände der Religion ausgenommen, welche die Frage betreffen, ob einer gerettet oder verdammt zu sein verdiene – niemand den Mund öffnet.“ Online-Plattformen wie die von Navabi gegründete Website Atheist Republic geben Iranern und vielen anderen heute die Chance, nicht schweigen zu müssen.

Mittlerweile weiß auch Navabis Familie, warum er als Zwölfjähriger aus dem Fenster sprang. Besonders froh ist Navabi darüber, dass er seiner Mutter vor ihrem Tod noch von seinen wirklichen Motiven erzählen konnte.

Navabi will mit Dogmen brechen und die Stille besiegen. Dazu ist es für ihn unerlässlich, die eigene Feigheit zu überwinden. Und sei es nur im Kleinen. „Ich lebe heute in Kanada“, sagt er. „Das ist ein ziemlich sicherer Ort. Wenn Menschen im Iran, in Saudi-Arabien oder Bangladesch für Gedankenfreiheit kämpfen, dann gibt es für mich keine Entschuldigung, es nicht auch zu tun.“


Δ Florian Friedman

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