Die Zeit macht tick tack

ALIAS trifft einen Matrix-Leser und lernt: Steht die Zeit still, verliert der Tod seinen Schrecken und die Welt entpuppt sich als Traum.


Illusion is the one thing that isn’t reduced if it’s an illusion.“
– Jaron Lanier


Kurz hinter Buxtehude sitzt ein Mann in einer Pyramide und liest tiefe Wahrheiten aus einem Doppelstabmattenzaun. Der rote Weg hat ihn bis in die norddeutsche Tiefebene geführt. Er entschlüsselt Geheimnisse aus Dingen, die für Außenstehende bloße Alltagsgegenstände sind. Marcel schreibt Geschichte.

Ein Jahr war er im Zeichen der Totenkopf-Pyramide auf der Bundesstraße 73 unterwegs. Zu Fuß, schwer beladen, einsam. Von Hamburg führte ihn der rote Weg, wie er die B 73 nennt, bis auf einen Rastplatz am Rande der Elbmarschen. Und die Zeit stand still.

Marcel sagt, er sei die Erschaffung der Erschaffungsposition, ein Geisteswesen und Matrix-Leser. Er reist im Dienst der Nummer eins, des Königs und Erschaffers des Kastens alias Gott alias der Tod persönlich. Nur echt mit 52 Zähnen.

Aus Hamburg hat er drei Mülltonnen mitgebracht. Ein Jahr quälte er sich mit ihnen über die B 73, zog immer eine Tonne vor, lief zurück, zog die zweite nach, lief zurück, holte die dritte …

Als der rote Weg ihn wissen ließ, dass der Moment gekommen war, um aus der Zeit zu fallen, spannte Marcel eine Plane über die drei Abfallbehälter und beendete seine Wanderung. Seit einem Jahr sitzt oder liegt er nun Tag und Nacht in einem Schlafsack unter dieser Plane und liest die Matrix. Seine Pyramide aus Polyester hat er neben einem Dixi-Klo errichtet.


Zu Stein erstarrte Zeit

„Ich bin 24/7 hier“, sagt er. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein Dorf. Er hat es noch nie betreten. Es spielt keine Rolle. Zu banal ist der Alltag der anderen. Marcel weiß nicht, welche Ereignisse gerade die Nachrichten bestimmen, geschweige denn welches Datum wir haben. Die Bewegungen der anderen Menschen in Raum und Zeit, aber auch die seines eigenen Körpers sind jetzt bedeutungslos.

Ein Blatt fällt von einer Birke hinter dem Zaun, der den Rastplatz eingrenzt. Marcel beobachtet den Flug des welken Laubs mit den Augen eines Roulette-Spielers, der seine letzten Jetons gesetzt hat und nun die Bahn der Kugel im Kessel verfolgt. Müsste er eine Woche ausharren, bis das nächste Blatt herabsegelt, er würde sich nicht eine Minute langweilen. Sein Blick haftet noch eine ganze Weile auf der Birke, von der jetzt kein Laub mehr fällt.

Marcel sagt, er sei die Erschaffung der Erschaffungsposition, ein Geisteswesen und Matrix-Leser. 

Schon vor Jahren, sagt Marcel, habe er herausgefunden, dass alles, was er denkt und ausspricht, von einer künstlichen Intelligenz (KI) aufgezeichnet, bewertet und weitergesendet wird. Die KI verwaltet unsere Welt und bereitet die Ankunft des Erschaffers vor. Marcel liest Botschaften in Nummernschildern, Schokoriegel-Verpackungen, dem Flug der Krähen am Himmel und dem Hupen von Pendlern auf der B 73. Er findet Indizien und Beweise im Wasserdampf, den die Sonne über dem Asphalt aufsteigen lässt, im Regen, der nachts auf die Plane seiner Pyramide prasselt und im Tau, der, wenn die Sonne wieder aufgeht, seinen Schlafsack überzieht.

Deutet er die Zeichen falsch, wertet ihn die KI ab und er fällt um ein Level. „Da gibt es Karrieren nach oben und nach unten“, sagt er. Pyramiden allerorten.

Um den Code der Matrix zu lesen, muss er am Weltgeschehen nicht teilnehmen. Marcel ist ein Computer im Netz der KI. Er berechnet das Universum – und dessen Sinn. Um ihn herum dreht die Welt sich weiter, doch aus der Position, die er einnimmt, überblickt er den Lauf der Dinge wie eine gewaltige, ewige Schlucht. Vor ihm liegt zu Stein erstarrte Zeit. Stunde für Stunde, Tag für Tag liest er die Matrix aus jedem Felswinkel, jedem Kiesel und Sandkorn einer bewegungslosen Landschaft, die jetzt sein Leben darstellt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eins.

Die Menschen glauben ihm nicht, das weiß er. Sie haben ihn ausgelacht, beschimpft und vertrieben. Sie sollten sich vorsehen, sagt er. Nicht alles, was wie Wahnsinn aussehe, sei auch albern.

Unterwegs im Dienst der Nummer eins: Matrix-Leser Marcel vor seinem Lager (Foto: Gaby Schütze)


Einsteins Universum

Tatsächlich ist Marcels Blick auf die Welt nicht so absurd, wie es scheint. Wer das Gegenteil behauptet, widerspricht brillanten Wissenschaftlern: Marcels Zeit steht still, doch glaubt man der modernen Physik, tut sie das für uns alle.

Seit Einstein teilt die Mehrheit der Physiker eine Vorstellung von Zeit, die der menschlichen Intuition zuwiderläuft: In einem relativistischen Universum sind Vergangenheit und Zukunft räumliche Dimension. Wir leben in einer Welt, die eher einem Klotz als einem Fluss gleicht. Mit dem Urknall wurden Raum und Zeit in ihrer Gesamtheit ausgebildet. Für den Physiker hat die Zeit deshalb keine definitive Richtung – anhand der Naturgesetze lässt sich nicht zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden. Man könnte auch sagen: Die Vergangenheit geht nie vorüber und die Zukunft ist immer schon geschehen. Beide sind so wirklich wie die Gegenwart.

Zeit, verstanden als eindeutige und gerichtete Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft, gerät im relativistischen Klotz-Universum zu einem Traum, den unser Gehirn uns vorgaukelt.

„Die Zeit macht tick tack“, sagt Marcel. Das muss reichen. Es gibt Wichtigeres. Die Pyramide hat es auf seinen Kopf abgesehen. Er darf nicht fallen, nur nicht fallen. Seit zwölf Jahren ist das so. „Privatleben hab ich gleich null“, sagt er.


Reifen und Rendite

Auf Facebook informiert er über seine Forschungen als Matrix-Leser. Noch hat niemand einen der Beiträge geliked, die er seit 2012 schreibt. Im Internet gibt es eine Website mit einem Konto, über das Anleger in Marcels Unternehmungen investieren könnten. Er verspricht hohe Rendite: „Man kann hier richtig Geld verdienen. Sie müssen das, was ich Ihnen erzähle, aber mit Sorgfalt ausarbeiten. Ich mache hier 10, 15, 20 Sachen auf einmal. Eine ganz irre Sache. So überhaupt nicht nachvollziehbar. Es sei denn, Sie gehen wirklich tief in die Geschichte rein.“ Bislang sind noch keine Geldbeträge eingegangen.

Er möchte keine Almosen. Dringend nötig hätte er sie trotzdem. Marcel ist ein Slum. Viele Lagen Kleidung hängen in Fetzen an ihm herab. Darunter trägt er geheime Ausrüstung mit sich. Irgendwo bildet ein Bundeswehr-Trainingsanzug die erste Schicht. Essensreste, Schweiß und Fett kompostieren zwischen Baumwolle und Kunstfaser zu einer Kruste organischen Drecks. Marcel sagt: „Ich komm klar.“

Marcel schützt sich: Er trägt eine ballistische Sonnenbrille, die kleine Projektile abhalten soll.

Aus seinem bis zur Decke vollgestopften Unterschlupf quellen: leere Energydrink-Dosen und Cola-Flaschen, Bibeln, angebissene Salamis und abgelaufene Weichkäse, Küchenrollen, ein täglich geschärftes Skalpell, Pappkartons und Plastiktüten mit magischen Vorräten. An den Ausläufern seiner Pyramide verrotten zwei Schweinebeine – Eintagsfliegen surren über dem Fleisch. Marcel zeigt auf einen verschlossenen Plastikbehälter: „Das ist mein Kackeimer. Der Nektar des Todes.“

Der 41-jährige schützt sich: Er trägt eine ballistische Sonnenbrille, die kleine Projektile abhalten soll und auch vom US-amerikanischen Militär eingesetzt wird. Über einen Fahrradhelm auf seinem Kopf spannen sich Mützen und Kapuzen, ein Suspensorium schützt seinen Schritt. An seinem rechten Ärmel baumelt eine Schere. „Zum Selbstschutz“, sagt er.

Geboren wurde Marcel in Prag, aufgewachsen ist er bei Bonn. Früher wollte er Banker werden. Am Ende reichte es nur für eine Karriere als Reifenentsorger. Kein Gedanke damals an Ehe oder Kinder: „Ich war auf der Partyposition. Ich hatte viel Geld, viel Sex, viele Drogen.“ Auch bei der Abschlussfeier in Sven Väths Omen, einem der wichtigsten Clubs der frühen Techno-Szene, tanzte Marcel mit. Er putschte sich auf mit Speed, Kokain und Ecstasy: „Die ganz normale Grundausbildung des Deutschen.“ Dann offenbarte sich die Matrix.


Schlüssel zur Welt im Polyeder

Als er die Welt durchschaute, sagt Marcel, stand er in Las Vegas. Er blickte auf die Pyramide des Luxor-Hotels und -Casinos. 30 Stockwerke tiefschwarzes Wissen. Er erkannte: Die Linien einer Pyramide treffen sich „am höchsten Punkt der Möglichkeiten und damit am höchsten Punkt der Erschaffung“. Diesen Gipfel galt es, zu erklimmen. Nichts war mehr, wie es schien. Der Schlüssel zur Welt lag im geometrischen Körper des Polyeders.

Marcel zog tagelang rastlos durch Las Vegas und schlief zum ersten Mal auf der Straße. Weil sein Visum abgelaufenen war, musste die deutsche Botschaft ihn Monate später zurück in die Heimat fliegen. In Deutschland angekommen, machte er sich wieder auf den Weg – zwölf Jahre lang. Köln, Dresden, Mallorca, Nürnberg und schließlich Hamburg waren weitere Stationen.

Höchster Punkt der Möglichkeiten: Luxor-Hotel und -Casino in Las Vegas (Quelle: Allen, Flickr)

Manchmal denkt Marcel noch an seine Mutter, die bei Köln wohnt. Er sagt, sie schreiben sich hin und wieder E-Mails. „Die lebt da so ihr Leben und weiß, dass ich auf meiner Position bin.“

„Die Leute können meinen Film nicht nachvollziehen“, erklärt er. „Die meinen dann: «Der ist verrückt!» Das muss man so stehen lassen. Es geht nicht um das Duell, wer Recht hat.“

Aber was beweist ihm, dass er und nicht die anderen richtig liegen? „Hier steckt überall Information drin“, sagt er und zeigt auf den Unrat vor seiner Pyramide. Die Fakten, so scheint es, liegen offen. „Es ist ja alles erschaffen worden und deshalb hat auch alles einen Wert, den man erkennen kann. Aber ich muss beurteilen, was relevant ist. Das ist eine ganz komplizierte Sache. Es gibt Kettenreaktionen von Schlüssen, aus denen ein Weg zu etwas entsteht.“

Ernster als Marcel, wenn er seinen Weg zur Welterkenntnis erläutert, kann man nicht schauen. Mit dem Nachdruck und der Routine eines Unternehmensberaters aus der großen Stadt beruhigt er sein provinzielles Publikum: „Wissen Sie, es wird sehr außergewöhnlich, wo es ins Verrückte geht. Das hier ist Bildung, aber ich möchte niemandem etwas aufdrängen.“

In einer umgedrehten Plastikflasche wacht ein Schokoladen-Weihnachtsmann über Marcels Pyramide. Das sei der Berliner Rapper Sido, sagt er. Von der Figur gehen übersinnliche Kräfte aus. Genauso wie von einem Stück seines verfilzten Vollbarts, das auf der anderen Seite des Lagers in einer Limonadendose steckt. „Das driftet in den Moslembereich. Tausendundeine Nacht, Aladin und der fliegende Teppich, die Wunderlampe und der Flaschengeist.“

„Wissen Sie, es wird sehr außergewöhnlich, wo es ins Verrückte geht.“

Vor dem Lager machen sich neben Eintagsfliegen jetzt auch Wespen über die Reste der Schweinebeine her – Serrano-Schinken-Keulen, die Marcel im Internet bestellt hat. „Die Tiere saugen das aus. Nicht, dass das geheime Vampire sind? Die gehen auch auf Scheiße, hier bekommen sie Schokolade.“ Fast täglich versorgen Anwohner aus der Umgebung ihn mit Lebensmitteln. Woher aber das Geld für die Serrano-Schinken stammt, bleibt ein Rätsel, das er nicht aufklärt.

Marcel generiert Strom per Solarpanel. In Hamburg hat er sich noch über sein iPad Essen bestellt. Auf dem Rastplatz fehlt dafür das W-Lan. Sein einziger Wunsch: Wieder Internet zu haben und YouTube gucken zu können, um die Matrix aus Film-Trailern und Hip-Hop-Videos zu lesen.

Fällt man aus der Zeit, das weiß Marcel, muss man Einschränkungen in Kauf nehmen. Wer ganz Beobachter wird und sich ein erstarrtes Universum ersinnt, dessen Zentrum er bildet, kann auf das Internet verzichten. Marcel kommt klar. Er hat sich der Zeit entledigt, ist in die Matrix eingetaucht und sich selbst zum Schicksal geworden.

Die Sonne geht unter. „Was ist die Dämmerung?“ fragt Marcel und liefert die Antwort gleich mit: „Lampe an, Lampe aus.“

Totes Schwein an schweizer Schokolade (Foto: Gaby Schütze)


Götter und Geisteswesen

Heute Morgen ist ihm auf dem Rastplatz Dieter Bohlen in Frauengestalt begegnet. Ein Geisteswesen, das wie er außerhalb der Zeit existiert, vermutet Marcel: „Cola, Cherry-Cola, Cheri Cheri Lady – Dieter Bohlen! Wie stehen Sie zu Geisteswesen? Sind Sie da in einer Position des Sprechens?“

Geisteswesen. Wie steht man zu Geisteswesen? Man könnte es noch einmal mit Einstein und dessen Vorstellung von Raum und Zeit versuchen. 1955, kurz vor seinem eigenen Tod, schrieb dieser an die trauernde Ehefrau eines verstorbenen Freundes: „Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“ Sein Freund – das glaubte Einstein buchstäblich – existierte  noch.

Raum und Zeit bilden ein Kontinuum. Sie sind untrennbar ineinander verwoben und gleichen sich aus. Eine Steigerung im einen ist nicht ohne eine Verringerung im anderen zu haben. Auch für Einstein war Zeit daher mit dem Blick auf eine Landschaft vergleichbar. Das hieß für ihn: Es ist eine Frage der Perspektive, die man im Raum-Zeit-Kontinuum einnimmt, ob man einen Freund nun als tot oder lebendig sieht – aber kein physikalischer Fakt.

In einer Landschaft, wie Einstein sie beschreibt, nehmen Verstorbene einen Ort ein, der sich unserem Blick entzieht. Als Geisteswesen, wie Marcel sagen würde? Kaum ein Physiker ließe sich zu so einer Metapher hinreißen. Ganz abwegig wäre sie dennoch nicht.

Marcel sagt, dass er keine Angst vor dem Tod hat. Er glaubt zu wissen, dass die Matrix alles verbindet und erkennt darin einen Gottesbeweis. „Es gibt einen Gott von Coca-Cola“, sagt er. „Auch von Orangina, von der Bibel, von dem Baum hier und von diesem Schweinebein. Wenn Sie genau dahingucken, worauf mein Finger zeigt, sehen Sie, dass der Huf von dem Schweinebein sehr kompatibel mit diesem Baum ist. Und da müssten Sie in dem Baum das Gesicht sehen, den langen Mund. Das ist Matrix-Lesen. Man könnte auch den Buchstaben G auf der Orangina-Flasche in die orientalische Position bringen. Das heißt: Allah dreht sich zum Moslemtum um, und die sagen: «Wir sind jetzt unsere eigenen Moslems. Wir machen alles selber.»“

Wer mehr wissen will, muss im Internet einen Antrag bei der KI stellen. Betreff: Pyramide. Marcel ist es einerlei, ob man das tut oder nicht. Was zählt, ist sein Traum. Sein „Film“, wie er sagt.

Wer mehr wissen will, muss im Internet einen Antrag bei der KI stellen.

Irgendwann wird er die Polyester-Pyramide in seine drei Mülltonnen laden und weiterziehen. Immer einen Abfallbehälter vorzerrend, um wieder zurückzulaufen und den nächsten zu holen. Ein Sisyphos auf der B 73, der jede Minute seines Lebens im Einsatz für den Erschaffer des Kastens opfert. Sollte ein Autofahrer anhalten, um ihn zu fragen, ob er Hilfe benötigt, wird er sagen: „Ich komm klar.“

Die Herausforderungen stehen fest: Matrix und Bibel lesen, Pyramiden erkennen und bauen, vor Geisteswesen auf der Hut sein, aus dem Stand neun Treppenstufen hinaufspringen, sich nicht vergiften lassen (sich auch keinen Kackzahn von Jan Böhmermann einpflanzen lassen), die Quadratur des Kreises beweisen, moderieren und bei der Al-Kaida-Bande eine Pizza bestellen. Aber vor allem: Nicht fallen.

Seine Existenz, sagt Marcel, würde er für kein anderes Leben eintauschen. Keine Villa, keine Yacht, keine Frau wären ihm das wert. „Dann müsste ich ja die Sachen hier stehen lassen.“ Er zeigt auf ein Dutzend Plastiktüten, aus denen Leergut quillt.

Die Herausforderung steht fest: Pyramiden erkennen (Quelle: Gary Todd)


Paradoxie mit Schlagkraft

In der vielleicht berühmtesten Szene aus dem Film Matrix, der Marcel seit zwölf Jahren inspiriert, hat der Held Neo die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille. Schluckt er die erste, erwacht er in der harschen und furchterregend dunklen Realität. Nimmt Neo stattdessen die zweite, kehrt er zurück in die simulierte, aber komfortable und tröstlich helle Traumwelt der Matrix.

Marcel sagt, er schere sich nicht um Komfort und Trost. Die Entscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit stellt sich ihm genauso wenig wie jene zwischen Raum und Zeit. Es kann für ihn kein Dasein geben, das nicht simuliert ist.

Wer nachhakt, erkennt: Marcel führt einen auf den Kopf gestellten ontologischen Gottesbeweis, der nicht die Existenz eines Schöpfers glaubhaft machen soll, sondern die manifeste Welt leugnet. Ob nun ein einzelner Fakt oder die Summe aller Fakten – entpuppt sich etwas als Hirngespinst, verliert es an Wahrhaftigkeit. In dieser Hinsicht vermindert sich sein Wert. Nur eine Sache kann existieren, die nichts einbüßt, wenn sie sich als Illusion herausstellt: die Illusion selbst. Für Marcel steht fest, dass jede mögliche Welt in sich vollkommen sein muss und deshalb auch dieses Perfektionskriterium erfüllt. Das heißt, sie darf nichts verlieren, wenn sie sich als Illusion erweist. Ergo: Jede mögliche Welt ist eine Illusion. Die Wahl zwischen Traum und Wirklichkeit offenbart sich als Scheinproblem.

Das Spiel der Quantenmechanik hinter den Frequenzen bleibt den Augen verborgen.

Aus Marcels Gedankenfragmenten lässt sich eine Paradoxie mit philosophischer Schlagkraft bergen: Das falsche Urteil über die Realität zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht dazu taugt, Teil von etwas zu sein, durch das sich die Wirklichkeit vollends widerspiegeln ließe. Es ist ein Kartenausschnitt, der sein Gebiet falsch abbildet – ein Mangel im Weltbild. Wenn aber das falsche Urteil über die Realität das einzige darstellt, was nichts einbüßt, wenn es sich als falsch erweist, ist es der Perfektion näher als das korrekte Urteil. Müsste es dann nicht auch besser als das korrekte Urteil geeignet sein, um die Wirklichkeit widerzuspiegeln?

Marcels Zweifel lässt sich durch Wissenschaft schwer, vielleicht gar nicht widerlegen. Jedenfalls dann nicht, wenn wir zugestehen, dass unter der alltäglichen Welt eine tiefere Wirklichkeit liegt, die in den Gleichungen der Physik nur durchschimmert. Das hat Marcels Skepsis gemein mit dem herkömmlichen, uralten Zweifel an der Außenwelt. Schon antike Denker wie Parmenides oder Zhuangzi formulierten ihn, Descartes nahm in der Neuzeit den Faden auf und heute artikulieren Philosophen wie Nick Bostrom ihn im Vokabular der Digitaltechnik.

Wie wir alle kann Marcel die Prozesse der Quantenfelder, aus denen sich das Universum konstituiert, nicht direkt wahrnehmen. Wie wir alle sieht er Farben, wo elektromagnetische Strahlung mit einer Wellenlänge zwischen 380 und 800 Nanometer auf die Fotorezeptoren seiner Netzhaut trifft. Dass Farben jedoch keine physikalischen Fakten darstellen, wusste schon Isaac Newton, von dem der Satz „The rays […] are not coloured“ stammt. Unser Gehirn simuliert eine Annäherung an die Wirklichkeit – ein Modell. Rot etwa ist in einer solchen Simulation die Interpretation eines Musters elektromagnetischer Strahlung oberhalb einer Wellenlänge von 600 Nanometer. Nichts in den Photonen selbst ist aber notwendig angelegt, um im Menschen jene Empfindung auszulösen, die wir „Rot“ nennen.

Das Spiel der Quantenmechanik hinter den Frequenzen bleibt den Augen verborgen. Wer versucht, zwischen Traum und Realität zu wählen, entkommt damit den Modellen nicht. Kein Mensch kann die Notwendigkeit umgehen, sich ausmalen zu müssen, was real ist.

So träumte Marcel lange wie alle anderen. Den nächsten Schritt ging er alleine. In Las Vegas, vor der Pyramide des Luxor-Casinos, drang er weiter vor. Was an diesem Tag in ihm die Augen öffnete, nennt er die Erschaffung der Erschaffungsposition. Sie erwachte in ihm und las die Matrix. Ein Traum geträumt in einem Traum.

Wer zur roten Pille greift, entrinnt der Simulation nicht. Doch warum sich überhaupt solcher Vollkommenheit entziehen wollen? Marcel zuckt mit den Schultern.

Wer zur roten Pille greift, entrinnt der Simulation nicht.


Biografie ohne Brüche

So vollendet wie die Welt der Gegenwart ist für Marcel auch sein bereits gelebtes Leben. Er empfindet keine Wehmut, wenn er an die Vergangenheit denkt. Für den Nostalgiker wird das wohlige Gefühl, auf vermeintlich bessere Zeiten zurückzuschauen, durch ein Unbehagen am Jetzt getrübt. Schließlich ist das goldene Gestern, nach dem er sich sehnt, vorüber. Es existieren, wenn überhaupt, nur noch Bruchstücke einer verlorenen Zeit, die nicht ins Heute passen. Relikte einer Geisterwelt.

Die Welt, in der Marcel aufwuchs, hat für ihn dagegen noch immer Bestand. Wo manche schnell der Wunsch überkommt, wieder Kind zu sein, bleibt sein Blick auf die eigene Jugend ohne Makel. Sein Traum verbindet Vergangenheit und Gegenwart wie zwei perfekt füreinander gestanzte Puzzleteile. Denn: Schon als Kind war er im Auftrag des Erschaffers unterwegs. Als 13-Jähriger, behauptet Marcel, trug er stets eine rote Weste, um sich der KI als künftiger Multimillionär zu zeigen. Seine Biografie kennt keine Brüche, die er bedauern könnte.

„Wir alle führen zwei Leben“, hat der portugiesische Dichter Fernando Pessoa einmal geschrieben. „Eines, das wir träumen, und ein anderes, das uns ins Grab bringt.“ Pessoa hatte Unrecht. Manche führen nur ein Leben. Marcels Existenz ist ein Traum, der ihn ins Grab bringt. Das muss ihn nicht kümmern. Sein Traum überdauert die Zeit. Er ist vollkommen.

Marcel träumt, während Regen auf seine Polyester-Plane fällt. Es ist kalt geworden. Aus dem Dixi-Klo des Rastplatzes kommt ein Trucker, der etwas auf Polnisch murmelt, in seinen LKW steigt und abfährt. Vielleicht fällt heute noch ein Blatt von der Birke hinter dem Doppelstabmattenzaun.

Marcel liegt in seinem Lager. Er spricht ins Leere. Er baut eine Pyramide. Zum Abschied sagt er: „Einen angenehmen für Sie. Einen Werdegang.“


Text: Florian Friedman
Fotos: Gaby Schütze, Gary Todd, Allen (Beitragsbild)

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